Neuer Wissenschaftlicher Beirat für ZB MED

Am 22. und 23. März tagt erstmals der neue elfköpfige Wissenschaftliche Beirat von ZB MED, der vom ZB MED-Stiftungsrat für die Dauer von vier Jahren berufen wurde. Darin vertreten ist ein breit gespanntes Spektrum mit ausgewiesener Kompetenz und vielfältiger Erfahrung. So gehören dem Beirat Leitungen national und international renommierter wissenschaftlicher Einrichtungen und Bibliotheken an, die zugleich fachlich unsere Bandbreite in den Lebens- und Informationswissenschaften abdecken.

Die Aufgabe dieses wichtigen strategischen Gremiums besteht darin, ZB MED in wissenschaftlichen und programmatischen Fragen zu beraten. Der Wissenschaftliche Beirat stellt also eine Art Lotsendienst dar, der uns auf unserem Weg zurück in die Leibniz-Gemeinschaft kritisch begleitet und mit seinem Rat unterstützt.


Weiterführende Links:

Wissenschaftlicher Beirat ZB MED
Gesetz zur Errichtung einer Stiftung „Deutsche Zentralbibliothek für Medizin“
Satzung der Stiftung ZB MED

Wissenschaftlicher Beirat der ZB MED

 

Data Journals als Publikationsform in den Lebenswissenschaften

Von Birte Lindstädt und Robin Rothe

Neben den klassischen wissenschaftlichen Zeitschriften gibt es einen Journaltypus, der sich ausschließlich auf Daten bezieht, dabei vielleicht aber eher unbekannt geblieben ist. In diesem Blogbeitrag geht es darum, diese Data Journals vorzustellen und näher zu beleuchten.

Was ist ein Data Journal?

Data Journals veröffentlichen sogenannte „Data Papers“ – Veröffentlichungen, die sich mit der Beschreibung von Datensätzen befassen. Im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Artikeln, die Forschungsergebnisse zum Inhalt haben, geht es in den Data Papers hauptsächlich um die Darstellung und Beschreibung von Methoden, die zur Erstellung von Datensätzen eingesetzt wurden. Dies beinhaltet beispielsweise welche Messgeräte an welchem Ort in  welchem Zeitraum verwendet wurden, wie groß die jeweilige Grundgesamtheit an untersuchten Objekten ist und welche Berechnungen anhand welcher Formeln durchgeführt wurden. Zudem verweisen Data Papers auf den Speicherort, an dem sich die Datensätze befinden (in der Regel ein institutionelles oder fachbezogenes Repositorium). Zu beachten ist dabei, dass nur eine kleine Anzahl an Journals reine Data Journals sind. Wie in einer Studie von 2015 bezüglich Data Journals festgestellt wurde, sind die meisten Journals Mischformen, die sowohl normale Artikel als auch Data Papers publizieren (1). Zum anderen besteht zwischen den Journals nicht zwingend Einigkeit in der Benennung. Dies betrifft vor allem die Artikel. Diese werden z.B. als data article, dataset paper, data in brief, data note oder data original article bezeichnet (2).

Warum wurden Data Journals entwickelt?

Die Idee hinter Data Journals war ursprünglich, Forschungsergebnisse in Form von Datensätzen, die auf einem institutionellen Repositorium zwischen unzähligen anderen Daten versteckt lagen, bekannter zu machen, damit diese auch beachtet und gelesen werden (3). Es sollten also Forschungsergebnisse durch die Publikation von Beschreibungen von Datensätzen transparenter und besser sichtbar gemacht werden. Grundsätzlich ging es den Pionieren der Data Journals – das International Journal of Robotics Research erschien 2009 als erstes Data Journal – darum, die Datensätze zitierfähig zu machen und damit zu ihrer Verbreitung beizutragen. Zudem bieten sie eine Möglichkeit, die Ergebnisse von Forschung anhand einer Beschreibung der Vorgehensweise zur Erstellung der Daten zusätzlich inhaltlich aufzubereiten und für die Nachnutzung besser nachvollziehbar zu machen.

Wer bietet Data Journals an?

Neben vielen kleinen Anbietern von einzelnen Data Journals, welche zum Teil aus Fachgesellschaften entstanden sind, sind hier BioMed Central, Pensoft  und SpringerOpen als namhafte Verlage mit drei oder mehr Data Journals zu nennen, welche allerdings teilweise nur gemischte Journals anbieten (4). Dazu kommt Ubiquity Press (5) als kleinerer Verlag, welcher reine Data Journals anbietet.

Welche Beispiele aus den Lebenswissenschaften gibt es?

Für eine Betrachtung über die Lebenswissenschaften hinaus empfiehlt sich die Liste von Pauline Ward im Wiki der University of Edinburgh (6). Des Weiteren hat das Wiki forschungsdaten.org eine Liste mit Data Journals begonnen, welche zur Ergänzung herangezogen werden kann (7).

Wo liegen Problemfelder der Data Journals?

Da Data Journals noch recht neu sind, haben sich noch keine einheitlichen Regelungen für Autorinnen und Autoren gebildet. Insbesondere in Bezug auf inhaltliche Beschreibungen, die beispielsweise die Qualität der Messungen inklusive Benennung eventuell aufgetretener Anomalien oder die Informationen zur Nachnutzung betreffen, fehlen bei sehr vielen Data Journals Regeln. Dies kann zu erheblichen Qualitätsschwankungen von Data Papers innerhalb desselben Data Journals führen. Durch Peer-Review-Verfahren ist dies nur dann zu verändern, wenn der Peer-Review-Bogen den neuen Anforderungen angepasst wird und zum Beispiel bei Auslassungen von Messergebnissen, Ungenauigkeiten und anderen nicht dokumentierten Vorfällen gegebenenfalls ein Data Paper abgelehnt wird.

Darüber hinaus nimmt die Publikation von Forschungsdaten in eigens dafür vorgesehenen Repositorien zu, die die Ergänzung der Daten durch Metadaten fordern, um die Auffindbarkeit zu verbessern. Dadurch steigt der Anreiz, Forschungsdaten mit beschreibenden Metadaten aufzubereiten. Wenn dies nicht in den Metadaten direkt geschieht, dann gegebenenfalls über eine Art Read-me-Datei, die angefügt wird. Damit werden genau die Informationen abgebildet, die ein Data Paper beinhaltet. Dies gewährleistet die direkte Zitierung und den Zugriff auf die Forschungsdaten ohne den Umweg über ein Data Journal.

Trotzdem können Data Journals und die Idee dahinter eine Basis zur Diskussion sein, wie und in welchem (Mindest-)Maß Informationen zur Nachnutzung von Forschungsdaten mit eben diesen verknüpft werden.


 

(1) Vgl. Candela, Leonardo; Castelli, Donatella; Manghi, Paolo; Tani, Alice (2015): Data journals. A survey. In: J Assn Inf Sci Tec 66 (9), S. 1747–1762.  S.1750. Abgerufen am 01.02.2017

(2) Vgl. ebd. S.1752- 7153. Abgerufen am 01.02.2017

(3) Vgl. Pfeiffenberger, H., & Carlson, D. (2011). “Earth System Science Data” (ESSD)—A peer reviewed journal for publication of data. D-Lib Magazine, 17(1/2). Abgerufen am 01.02.2017

(4) Vgl. GBIF (o.J.): Journals that publish data papers. Abgerufen am 01.02.2017

(5) Vgl. Ubiquity Press (o.J.): UPmetajournals. Abgerufen am 01.02.2017

(6) Vgl. Ward, Pauline (29.09.2016): Sources of dataset peer review. Abgerufen am 01.02.2017

(7) Vgl. forschungsdaten.org (09.12.2016): Data Journals. Abgerufen am 01.02.2017

Video-Tutorials zu Open Access und Open Data – Tabelle online

Von Jasmin Schmitz, PUBLISSO Publikationsberatung

Video-Tutorials erfreuen sich schon seit längerem enormer Beliebtheit, da sie die Möglichkeit bieten, komplexe Inhalte audio-visuell aufzubereiten und somit Nutzerbedürfnissen nachkommen.

Auf der ZB MED-Publikationsplattform PUBLISSO findet sich eine Tabelle mit Video-Tutorials zu Open Access und Open Data (1). Zusätzlich wurden auch Videos zu Creative-Commons-Lizenzierung, Peer Review, Journal Impact Factor, h-Index und Altmetrics aufgenommen.

Tabelle mit Video-Tutorials

Tabelle mit Video-Tutorials

Die Tabelle bildete die Grundlage einer Untersuchung, deren Ergebnisse im März auf dem Bibliothekskongress in Leipzig vorgestellt wurden und in ausführlicher Form kürzlich in o-bib – dem offenen Bibliotheksjournal erschienen sind (2).

Auch ZB MED setzt im Rahmen der Open-Access-Publikationsberatung neben FAQs, persönlicher Beratung sowie Workshops und Vorträgen Video-Tutorials ein. Die Ergebnisse der oben genannten Untersuchung dienen der Entscheidungsfindung, zu welchen Themen Tutorials nachgenutzt werden können, beziehungsweise wo Lücken mit selbst produzierten Tutorials geschlossen werden können. Näheres zum Konzept von ZB MED findet sich in dem Beitrag „Komplexes einfach visualisiert: Video-Tutorials von ZB MED“(3).

In der Tabelle finden sich neben Links zu den Video-Tutorials noch einige Zusatzinformationen über die bereitstellende Institution/Person, das Thema, näheres zum Inhalt, Angaben zur Lizenz (sofern vorhanden), Länge, Sprache und inwieweit die Tutorials frei von institutionellen Bezügen sind.

Die Tabelle wird regelmäßig aktualisiert und ergänzt. Nutzerinnen und Nutzer sind eingeladen, eigene Vorschläge einzureichen. Die vorgeschlagenen Tutorials sollten sich mit den genannten Themen beschäftigen und idealerweise eine maximale Länge von fünf Minuten haben.


 

(1) Video-Tutorials zu Open Access und Open Data

(2) Schmitz, J.: Video-Tutorials zu Open Access und Open Data – Analyse und mögliche Nachnutzbarkeit. o-bib, das Offene Bibliotheksjournal, 2016

(3) Kullmer, B., Schmitz, J.: Komplexes einfach visualisiert: Video-Tutorials von ZB MED. ZB MED-Blog, 2016

„Hermann Schaaffhausen zum 200. Geburtstag“ – Vortrag zur Ausstellungseröffnung

Vom 15. Oktober 2016 bis zum 26. März 2017 zeigt ZB MED in der Hauptbibliothek in Köln die Ausstellung „Hermann Schaaffhausen zum 200. Geburtstag“. Die Ausstellung präsentiert Originalfunde, Dokumente und weiteren Objekte und gibt so einen Einblick in das Leben und Werk des Bonner Anthropologen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem LVR-LandesMuseum Bonn, wo sie bis zum 15. Oktober 2016 zu sehen war.

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Priv.-Doz. Dr. Ralf W. Schmitz hält den Eröffnungsvortrag zur Schaaffhausen-Ausstellung Foto: ZB MED / K.P. Schmidt

Den Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung hielt Priv.-Doz. Dr. Ralf W. Schmitz, Wissenschaftlicher Referent für Vorgeschichte des LVR-LandesMuseums Bonn, der gemeinsam mit Dr. Ursula Zängl, Stellvertretende Direktorin von ZB MED, die Ausstellung kuratiert hat. Im Eröffnungsvortrag gibt Dr. Schmitz einen Einblick in die Entstehung der Ausstellung und einen Überblick über die Bedeutung Schaaffhausens für die Wissenschaft:

„Die Idee zu dieser Ausstellung entstand vor mehreren Jahren aus einer Zusammenarbeit zwischen ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften und dem LVR-LandesMuseum in Bonn. Frau Dr. Ursula Zängl, stellvertretende Direktorin von ZB MED und Mitkuratorin der Ausstellung, hat ihre wissenschaftsgeschichtliche Dissertation über Leben und Werk Hermann Schaaffhausens verfasst und nicht nur dabei einen enormen Fundus zur Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts zusammengetragen.

Ein zweiter Handlungsstrang begann 2006 im Umfeld der Jubiläumsausstellung zum 150. Jubiläum der Entdeckung des Urmenschen aus dem Neandertal. Zu dieser Zeit entdeckte unsere Bibliothekarin Susanne Haendschke, ebenfalls Schaaffhausen-Mitkuratorin, im Buchbestand des Landesmuseums einige Bände der verloren geglaubten Bibliothek Schaaffhausens. Inzwischen sind daraus über 170 Titel geworden.

Der dritte Handlungsstrang ist in meinen eigenen Arbeiten am Neandertaler und an seiner Fundstelle begründet. Immer wieder beschäftige ich mich mit den Schriften meiner wissenschaftlichen Vorgänger, der Name Schaaffhausen taucht dabei überproportional häufig auf und man wird neugierig. Wer war Hermann Schaaffhausen?

Gymnasialheft Schaaffhausens mit fiktivem Brief an seine Eltern Foto: ZB MED / Christian Wittke

Gymnasial-Schulheft Schaaffhausens mit fiktivem Brief an seine Eltern
Foto: ZB MED / Christian Wittke

Geboren wurde er am 19. Juli 1816 als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten in Koblenz. Bereits in seiner Schulzeit beschäftigte er sich mit naturgeschichtlichen Fragen. Viele weitere Anregungen erhielt er während seiner Studienjahre in Bonn und Berlin. In der Hauptstadt erfolgte 1839 die Verleihung des Doktortitels, auch legte er hier im Folgejahr die Ärztliche Staatsprüfung ab. Schaaffhausen war nun Anatom, Anthropologe, Mediziner – die Fachgrenzen waren damals nicht so deutlich wie heute.

Schaaffhausen ist ein Kind des 19. Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, das wie kaum ein anderes für Aufbrüche und Umbrüche steht. Viele große Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen wirkten im 19. Jahrhundert oder legten den Grundstein für ihre Erfolge in dieser Zeit. Zu Ihnen zählen Max Planck und Albert Einstein in der Physik, Robert Koch in der Mikrobiologie, das Röntgen wurde entdeckt, lenkbare Luftschiffe entwickelt, das Automobil konzipiert, der Grundstein für den Flugzeugbau gelegt, der Schiffbau revolutioniert, das erste Transatlantikkabel verlegt. Jules Verne schrieb über phantastische Dinge wie etwa einen Flug zum Mond oder von einem U-Boot, das unter dem Polareis hindurch taucht, Rudolf Virchow verfasste seine Cellularpathologie, Heinrich Schliemann fand Troja, Charles Darwin veröffentlichte sein Werk zur Evolutionstheorie, Sir Charles Lyell revolutionierte die Geologie, Lois Agassiz verstand die Eiszeitgletscher…

Reisepass von Hermann Schaaffhausen Foto: ZB MED / Christian Wittke

Reisepass von Hermann Schaaffhausen
Foto: ZB MED / Christian Wittke

In diesem Jahrhundert wurde Europa aber auch neu geordnet, Deutschland fand seine Einheit, tragischerweise im Spiegelsaal von Versailles, was bereits den Keim zu weiteren Konflikten in sich trug. Die industrielle Revolution entwickelte Landschaften und verwüstete andere mit dem neu erfundenen Dynamit, wie zum Beispiel das Neandertal, zuvor an Naturschönheit auf Augenhöhe mit der schweizerischen Via Mala. Ein zuvor unbekannter Hunger nach Energie führte zu einer maßlosen Befeuerung aller Ideen mit fossilen Brennstoffen. Ja, auch der sich heute abzeichnende Untergang weiter Küstenlandschaften durch den Anstieg des Meeresspiegels wurzelt in dieser Epoche des Aufbruchs.

Sehr früh entwickelte Hermann Schaaffhausen seine Leidenschaft für Altertümer. Diese verstärkte sich nach seiner Rückkehr aus Berlin an den Rhein und der Habilitation in Bonn bald hin zu den frühen Zeugnissen der Menschheitsgeschichte. Wenn man mag, könnte man ihn letztlich als Mediziner, Anatom und Prähistoriker bezeichnen. Als Professor der Universität Bonn hielt er ab 1845 bis zu seinem Tod 1893 attraktive und gut besuchte Vorlesungen.

Buch aus der Bibliothek Hermann Schaaffhausens

Werk aus der Bibliothek Hermann Schaaffhausens

Schon in den frühen 50er Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, ob die Arten der Tier- und Pflanzenwelt wirklich unveränderlich sind, wie es die gängige Lehrmeinung vorgab. Seine Überlegungen münden im 1853 erschienenen Werk „Ueber Beständigkeit und Umwandlung der Arten“. Charles Darwin bezeichnete es einige Jahre später als „an excellent pamphlet“.

Dr. Ralf W. Schmitz und Dr. Ursula Zängl erläutern bei einer Führung durch die Ausstellung den Neanderthaler-Fund Foto: ZB MED / K.P. Schmidt

Dr. Ralf W. Schmitz und Dr. Ursula Zängl erläutern bei einer Führung durch die Ausstellung den Neandertaler-Fund.
Foto: ZB MED / K.P. Schmidt

Hierin schreibt Schaaffhausen über die Veränderung von Arten in der Zeit, nimmt Umweltfaktoren als Auslöser an und nennt als Zeitraum für die Veränderungen mehr als 100.000 Jahre – unerhört aus dem Blickwinkel der meisten Zeitgenossen, in deren Augen die Welt vor gerade einmal 6000 Jahren erschaffen worden war. Auch bezieht er, anders als Darwin, den Menschen bereits 1853 deutlich mit ein. Er glaubt an die heftig umstrittene Gleichzeitigkeit von Mensch und ausgestorbenem Mammut, und, nun wird es noch spannender, er sieht Belege für eine ausgestorbene Menschenform, die urtümlicher war als der heutige Mensch – unerhört aus der Weltsicht zur Mitte des 19. Jahrhunderts.
Dies geschieht, wohlgemerkt, bereits vor der Entdeckung des Skelettes aus dem Neandertal. Dieser Fund trat im Winter 1856 / 57 mit aller Wucht in sein Leben und hat es für immer verändert.

Der Naturforscher Johann Carl Fuhlrott übertrug ihm die Untersuchung der wenige Monate zuvor entdeckten Skelettreste aus dem Neandertal. Diese waren damals noch Bestandteil der Sammlung Fuhlrotts in Elberfeld. Schaaffhausen ordnete die Knochenreste zusammen mit anderen Funden, wie dem Schädel von Gibraltar, korrekt einer urtümlichen Menschenform zu. Der Fund aus dem Neandertal geriet zum Kristallisationspunkt der oft polemisch geführten Kontroverse um die Existenz fossiler Menschen, die bald alle Gesellschaftsschichten erfasste. Schaaffhausen präsentierte den Neandertaler auf zahlreichen internationalen Kongressen und bewirkte, dass sich Koryphäen wie der Geologe Sir Charles Lyell und der Zoologe Thomas Henry Huxley an der Diskussion beteiligten. Hierdurch erhielt der Neandertaler, ausgehend von den Britischen Inseln, eine faire Chance der Anerkennung.

Sehr schön sieht man auf diesem Ausschnitt eines Tagungsgruppenbildes von 1887 Hermann Schaaffhausen und Rudolf Virchow. Als Puffer dazwischen kein Geringerer als Troja-Entdecker Heinrich Schliemann. Foto: ZB MED / Christian Wittke

Sehr schön sieht man auf diesem Ausschnitt eines Tagungsgruppenbildes von 1887 Hermann Schaaffhausen und Rudolf Virchow. Als Puffer dazwischen kein Geringerer als Troja-Entdecker Heinrich Schliemann.
Foto: ZB MED / Christian Wittke

Der größte Kontrahent Schaaffhausens in der Diskussion um den Neandertaler war der Mediziner Rudolf Virchow. Er hatte 1872 alle Skelettunterschiede zwischen Neandertaler und heutigem Menschen für krankheitsbedingt erklärt. Mit dieser Fehleinschätzung behinderte er aufgrund seines enormen Einflusses die inländische Forschung bis zu seinem Tod im Jahre 1902 erheblich. Somit war das Verhältnis der beiden Wissenschaftler nicht gerade herzlich zu nennen.

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Foto: ZB MED / Christian Wittke

Nach Fuhlrotts Tod 1877 planten die Erben den Neandertaler zu verkaufen. Es lag bereits ein gutes Angebot aus England vor. Da unser Museum nicht über die benötigten Geldmittel verfügte, sprang Hermann Schaaffhausen ein. Die erforderliche Summe von 1.000 Goldmark bestritt er aus seinem eigenen Vermögen. Seither ist der Neandertaler das bedeutendste Exponat des Landesmuseums. Die Präsenz des Fundes in Bonn ermöglichte es Schaaffhausen, in Ruhe sein 1888 erschienenes Abschlusswerk „Der Neanderthaler Fund“ vorzubereiten.

Voegelchen_Andernach_freiEbenfalls auf Schaaffhausen zurück geht der kleine Vogel von Andernach. Eiszeitjäger hatten ihn vor fast 16.000 Jahren aus Ren-Geweih geschnitzt. Hermann Schaaffhausen grub den Rastplatz der Jäger auf dem Martinsberg in Andernach 1883 aus und zog anhand der Steinwerkzeuge korrekte Parallelen zur eiszeitlichen Kultur des Magdalénien in Frankreich. Über den Vogel schreibt er: „Das schönste Schnitzwerk … ist ein unteres Geweihstück vom Rennthier, welches zu einem Vogel geschnitzt ist. … Es sind zwei Perlen der Krone des Geweihs benützt, um die Augen des Vogels darzustellen, dessen Schnabel an der Wurzel breit, gerade und spitz ist, die Federn des Kopfes sind wie zu einer Haube aufgerichtet. Flügel und Schwanz sind mit Längsstrichen deutlich angedeutet.“ Diese Zeilen erheben ihn zum Entdecker der Eiszeitkunst im Rheinland.

Aber auch abseits des engeren Fachzirkels war Hermann Schaaffhausen sehr aktiv und, wie man heute sagen würde, gut vernetzt. So hatte der junge Kronprinz Wilhelm in seiner Bonner Studienzeit Vorlesungen bei Schaaffhausen gehört und war gerngesehener Gast in der Villa Schaaffhausen in Bad Honnef. Als Kaiser Wilhelm II kehrte er gerne hierher zurück, manchmal mit seiner Gattin, die beiden hatten ein eigenes „Kaiserzimmer“ in der Villa. Dasselbe gilt für das schwedische Königspaar und einige andere Vertreter des europäischen Adels. Männer wie Schaaffhausen konnte Preußen natürlich gut gebrauchen, um das Rheinland vielleicht doch noch in den Griff zu bekommen …

Die Exponate kommen aus dem LVR-LandesMuseum Bonn nach Köln.

Die Exponate kommen aus dem LVR-LandesMuseum Bonn nach Köln.

So gehörte er denn auch ab 1874 zur Gründungskommission der Provinzialmuseen in Trier und Bonn, Vorläufer der heutigen Rheinischen Landesmuseen. Bei diesen Museen handelt es sich um politische Geschenke des fernen Berlin an die Rheinprovinz, die damals bis in das nördliche Saarland reichte – mit erfreulichen Folgen für unseren archäologischen Sammlungsbestand.

Schaaffhausen als Begründer der Urmenschenforschung in Deutschland verstand es sogar, Evolutionslehre und katholischen Kirchenvorstand in einer Person zu vereinen. Auch war er ein engagierter Förderer des kulturellen Lebens in der Region. Nach Anfangsschwierigkeiten feierte man im August 1845 das erste Beethoven-Fest. Schaaffhausen gehörte dem Festkomitee an, führte die Korrespondenz und wirkte am Programm mit. Auch gründete er ein Komitee zur Errichtung eines Denkmals für Robert Schumann. In seiner Rede zur Einweihung 1880 hob er die Bedeutung der Musik als Kunstform hervor. In der Rede schwingen aber auch starke persönliche Emotionen mit. Diese finden sich auch in einer Bauinschrift eines Rundbaus im Garten seiner Villa in Bad Honnef, hier in klarem Bezug zu seiner plötzlich und zu früh verstorbenen Frau. Anna Lorenz scheint die Liebe seines Lebens gewesen zu sein, denn Hermann Schaaffhausen hat sich trotz aller Kontakte und Möglichkeiten nie mehr gebunden.Hermann Schaaffhausen starb am 26. Januar 1893 in Bad Honnef und wurde unter großer Anteilnahme auf dem Alten Friedhof in Bonn beigesetzt.

Viele Informationen über Leben und Werk Schaaffhausens finden sich im Internetportal von ZB MED. Gleiches gilt für die wiederentdeckten und digitalisierten Bände aus der Bibliothek Schaaffhausens. Das Portal bleibt auch nach der Laufzeit der Ausstellung dauerhaft aktiv und wird fortlaufend ausgebaut und ergänzt.

Eine solche geplante Ergänzung ist zum Beispiel ein wichtiger Teil der wissenschaftlichen Kartei Hermann Schaaffhausens. Sie ist mit einer schönen Geschichte verbunden. Mein Kollege Hoyer von Prittwitz stand vor knapp zwei Jahren in meiner Bürotür mit den Worten: „Du interessierst Dich doch für Schaaffhausen, das hier ist was für Dich“. Es verschlug mir bereits bei der ersten Sichtung die Sprache, denn in dem überreichten Archivkasten befanden sich zahlreiche Karten mit Fotos und Zeichnungen anthropologischer Fundstücke, allesamt mit Beschriftungen aus der Feder Schaaffhausens. Diese werden nun gesichtet, digitalisiert und in das Portal integriert.

Die Realisierung der Ausstellung wäre natürlich nicht möglich gewesen ohne das Team von ZB MED und des LandesMuseums. Wir hatten aber auch sehr wohlwollende Leihgeber. Danken möchte ich

  • der Universitäts-und Landesbibliothek Bonn,
  • den Stadtarchiven in Koblenz und in Bonn,
  • dem Preußen-Museum-Minden,
  • dem Anatomischen Institut der Universität Bonn
  • sowie der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.

Ich wünsche der Ausstellung und damit Hermann Schaaffhausen eine gute Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.“


Weiterführende Informationen:

Digitale Sammlungen von ZB MED
Themenportal Schaaffhausen

Institutionelle Data Policies am Beispiel der deutschen Hochschullandschaft

von Birte Lindstädt und Robin Rothe

Im Blogbeitrag „Data Policies bei wissenschaftlichen Verlagen“ wurde bereits angedeutet, dass Data Policies schon seit längerem ein viel diskutiertes Thema auf institutioneller Ebene sind. Zum besseren Verständnis und zur Verortung der Policies von wissenschaftlichen Verlagen soll in diesem Blogbeitrag der Status Quo zu diesem Thema in der deutschen Hochschullandschaft beleuchtet werden. Dabei spielen die „Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ seitens der DFG (1)  eine bedeutende Rolle. Sie gelten als Maßstab im Bezug auf den Umgang mit Forschungsdaten und damit auch der Festlegung von Regeln bzw. Verhaltenskodizes. In diesem Zusammenhang hat die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) im November 2015 auf der 19. Mitgliederversammlung Empfehlungen zur Steuerung der Entwicklung von Forschungsdatenmanagement seitens der Hochschulleitungen beschlossen (2).

Die nachfolgende Tabelle orientiert sich an den dort festgelegten Punkten eines idealtypischen Prozesses zur Erstellung von Richtlinien für Forschungsdatenmanagement im Hochschulkontext, die auch auf andere Institutionen übertragen werden können. Ergänzt werden die dort genannten Bestandteile einer Data Policy durch Beispiele aus bereits existierenden Research Data Policies, die aus dem Wiki „forschungsdaten.org“ entnommen wurden (3). Die vorgestellte Liste der Beispiele ist nicht abschließend. Weitere Hochschulen haben mittlerweile eine Data Policy beschlossen – wie z. B. die RWTH Aachen (4), die aber nicht auf „forschungsdaten.org“ verzeichnet wurden.

Tabelle: Zielsetzung und Bestandteile einer Research Data Policy

Zielsetzung und Bestandteile einer Research Data Policy

Die Reihenfolge, wie sie die HRK empfiehlt, wird in den einzelnen Data Policies nicht unbedingt eingehalten und es werden nicht in allen Policies alle Punkte abgedeckt. Dies kann aber in Anbetracht der Tatsache, dass alle vorgestellten Policies vor dem Beschluss der HRK Ende des Jahres 2015 formuliert und veröffentlicht wurden, nicht erwartet werden. Vielmehr ist erkennbar, dass bereits vor einer hochschulübergreifenden Debatte an einzelnen Universitäten das Thema Forschungsdaten und dabei insbesondere die Bedeutung von Data Policies als Instrument im Forschungsdatenmanagement erkannt wurden. Insofern haben alle genannten Hochschulen Pionierarbeit in Sachen Research Data Policies in Deutschland geleistet.


(1) DFG (2013). Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis: Empfehlungen der Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“. In DFG (2013). Denkschrift „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ (S.5-55).

(2) Vgl. Hochschulrektorenkonferenz (2015). Wie Hochschulleitungen die Entwicklung des Forschungsdatenmanagements steuern können. Orientierungspfade, Handlungsoptionen, Szenarien: Empfehlung der 19. HRK-Mitgliederversammlung am 10.11.2015.

(3) Vgl. Data Policies: Institutionelle Policies (17.10.2016). In forschungsdaten.org.

(4) RWTH Aachen (2016): Forschungsdatenmanagement an der RWTH Aachen.

Data Policies bei wissenschaftlichen Verlagen

Von Birte Lindstädt und Robin Rothe

Data Policies werden seit einigen Jahren zunehmend als wichtiges Instrument zur Regelung und Optimierung des Managements von Forschungsdaten angesehen. Bereits 2011 veröffentlichten Heinz Pampel und Roland Bertelmann einen Beitrag zu verschiedenen Formen von Data Policies sowohl im disziplinären, wie auch im interdisziplinären Bereich der Wissenschaft. Darin bieten sie einen Überblick über bereits existierende Data Policies, sowie aktuelle und künftige Herausforderungen für die Policies (1). So veröffentlichte die DFG im Herbst 2015 die aktuelle Fassung ihrer „Leitlinien zum Umgang mit Forschungsdaten“ (2) . Diese resultieren aus den 2008 erstmals verabschiedeten und 2009 veröffentlichten „Empfehlungen zur gesicherten Aufbewahrung und Bereitstellung digitaler Forschungsprimärdaten“ (3). Die Umwandlung von Empfehlungen zu Leitlinien zeigt bereits, wie wichtig das Thema mittlerweile genommen wird.

Bei uns entstand nun die Frage: Wie gehen wissenschaftliche Verlage mit der Publikation von Forschungsdaten um? Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass Verlage auch in Zeiten von institutionellen Repositorien, disziplinären Portalen und OA-Journals von freien Initiativen und Institutionen immer noch eine bedeutende Rolle in wissenschaftlichen Publikationsprozessen spielen, kommt deren Umgang mit (Forschungs-)Daten eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bei der Verbesserung der guten wissenschaftlichen Praxis zu. Bei Pampel und Bertelmann werden bereits Journal Policies in einem eigenen Unterkapitel erwähnt. Zum einen beschränken diese sich jedoch auf wenige Beispiele, zum anderen – bis auf Nature – auf publizierende Einrichtungen außerhalb des wissenschaftlichen Verlagswesens (4).

ZB MED hat in diesem Zusammenhang wissenschaftliche Verlage aus den Lebenswissenschaften dahingehend überprüft, inwiefern diese über Data Policies verfügen. Dabei wurden die Verlagsseiten und deren Umfeld von Springer-Nature, Elsevier, Wiley, BiomedCentral, Sage Publications und DeGruyter analysiert. Zusätzlich wurde PLOS als Non-Profit-Projekt zur wissenschaftlichen Publikation aufgrund der Bedeutung insbesondere von PLOS One mit in die Untersuchung aufgenommen. Inhaltlich ging es erstens darum zu überprüfen, welche Verlage überhaupt eine Data Policy haben, und zweitens darum im nächsten Schritt zu erörtern, was in den jeweiligen Policies festgehalten wurde. Dabei stellte sich insbesondere die Frage, ob und inwiefern die Publikation den Textveröffentlichungen zugrundeliegender Daten Voraussetzung für die Annahme von Artikeln ist.

Tabelle: Data Policies der Verlage

Data Policies der Verlage

Wie die nachfolgende Tabelle zeigt, haben von den sieben untersuchten Anbietern drei keine journal-übergreifende Data Policy. Wiley verweist auf die Data Policies der zugehörigen Zeitschriften. Sage Publications und DeGruyter haben keine Hinweise auf etwaige Data Policies.

Tabelle: Data Policies der Verlage

Wie man der Tabelle entnehmen kann, gehen die Anbieter unterschiedlich mit dem Thema um. Springer Nature bietet ganz im Sinne des Dienstleistungsprinzips für jeden Bedarf unterschiedlicher wissenschaftlicher Communities eine Standard-Policy an. Laut eigener Aussage wird damit das Ziel verfolgt, Autorinnen und Autoren je nach Vorgaben der Förderungsorganisationen und den disziplinspezifischen Regelungen die Möglichkeit zu bieten, auf Springer Nature zu publizieren. Hierfür hat man ein Baukastensystem für die Zeitschriftenbetreiber entwickelt, das jede Eventualität abdeckt (5). Auf Grund dessen bietet sich dieses System bestehend aus vier Policy-Typen als Vergleichsmöglichkeit mit den Data Policies anderer wissenschaftlicher Verlage an.

Auszug aus SpringerNature (2016)

SpringerNature (2016). Overview of the policies.

Die Policy von PLOS ist demzufolge vergleichbar dem Typ 4 mit der Einschränkung, dass ein Peer-Review-Verfahren für die Daten nicht vorgesehen ist. Zwar werden bei PLOS Ausnahmen in der Data Policy benannt, diese sind aber als sehr restriktiv (nur für den Fall von Datenschutzverletzungen bei Veröffentlichung der Daten) zu bewerten. Eine Zurückhaltung der Daten aus persönlichen und/oder kommerziellen Gründen wird kategorisch ausgeschlossen. Die Data Policy von BiomedCentral ist dem Typ 3 zuzuordnen und die von Elsevier als schwächste Form dem Typ 1. Alle vier Verlage bieten ergänzend Hilfe bei der Umsetzung von Datenveröffentlichungen an. Die Angebote reichen von FAQs über Listen von potenziellen Repositorien bis hin zu eigenen Infrastrukturen zur Datenpublikation.

In Anbetracht der noch sehr unterschiedlichen Datenkultur in den einzelnen Disziplinen und der Tatsache, dass sowohl die deutschen Forschungsförderer und die EU als auch die Hochschulrektorenkonferenz disziplinübergreifend ebenfalls lediglich die Publikation von Daten empfehlen, ist es positiv, dass diese vier Verlage bereits eine Data Policy haben. Auch darf nicht vergessen werden, dass viele Editorial Boards ihren Journals eigene Data Policies auf der Grundlage der jeweiligen disziplinären Ausrichtung gegeben haben.

Die Frage ist, was die Verlage motiviert, solche Policies aufzusetzen? Sicherlich spielt die Ausweitung des Dienstleistungsspektrums hier ebenso eine Rolle wie das Ziel einer Erweiterung des bereitgestellten Contents. Die Autoren und Autorinnen müssen den politischen Anforderungen beim Umgang mit Forschungsdaten zunehmend folgen, indem sie Datenpublikationen vorsehen. Die Leser haben Interesse an transparent dargestellten Forschungsergebnissen und somit auch an den verwendeten Daten. Somit bedienen die Verlage mit den Data Policies Kundeninteressen.


 

(1) Vgl. Pampel, H. & Bertelmann, R. (2011). „Data Policies“ im Spannungsfeld zwischen Empfehlung und Verpflichtung. In S. Büttner, H.-C. Hobohm & L. Müller (Hrsg.), Handbuch Forschungsdatenmanagement (S. 49 – 61).

(2) Vgl. DFG (2015). Leitlinien zum Umgang mit Forschungsdaten.

(3) Vgl. DFG (2009). Empfehlungen zur gesicherten Aufbewahrung und Bereitstellung digitaler Forschungsprimärdaten.

(4) Vgl. Pampel, H. & Bertelmann, R. (2011). „Data Policies“ im Spannungsfeld zwischen Empfehlung und Verpflichtung (S. 56 – 57). In S. Büttner, H.-C. Hobohm & L. Müller (Hrsg.), Handbuch Forschungsdatenmanagement.

(5) Vgl. Hrynaszkiewicz, I. (2016): Promoting research data sharing at Springer Nature. BioMed Central Blog.
Dieser Blogbeitrag wurde zeitgleich von Scott Epstein auf dem SpringerOpen blog (http://blogs.springeropen.com/springeropen/2016/07/05/promoting-research-data-sharing-springer-nature/ )  und Lilienne Zen auf „of schemes and memes – a community blog from nature.com“ veröffentlicht.

 

 

Frischer Wind bei ZB MED – Transformationsprozess gestartet

Von Elke Roesner

Wir haben eine Weile an dieser Stelle nicht mehr über unsere Aktivitäten berichtet. Inzwischen ist jedoch viel passiert.

Interimsdirektor Dr. Dietrich Nelle

Dr. Dietrich NelleSeit dem 1. Oktober 2016 ist Dr. Dietrich Nelle (vormals beim Bundesministerium für Bildung und Forschung), Interimsdirektor von ZB MED. Dr. Nelle wird bei der Durchführung des Transformationsprozesses von Prof. Dr. Klaus Tochtermann, den Direktor der ZBW-Leibniz-Informationszentrum Wirtschaftswissenschaften, tatkräftig mit informationswissenschaftlichem Input unterstützt. Damit ist ZB MED für die neuen großen Herausforderungen hochkarätig besetzt. Unter der neuen Leitung hat der Transformationsprozess, der ZB MED zu einem modernen Fachinformationszentrum umgestalten wird, unmittelbar begonnen.

Das weitere Vorgehen beim Transformationsprozess

Nach dem aktuellen Stand sollen im Laufe des Jahres 2017 die Berufungen der W3-Professur für die Leitung und einer weiteren W2-Professur vonstattengehen und damit die Entwicklung und Umsetzung einer übergeordneten Strategie sowie einer Forschungsstrategie forciert werden. Bereits jetzt wird die Anbindung an die User Communities an Hochschulen und in der Leibniz-Gemeinschaft verstärkt. Ziel ist es ferner, Drittmittel einzuwerben, die zur strategischen Weiterentwicklung zusätzliche Beiträge leisten können.

Selbstredend geht es bei dem Transformationsprozess schon jetzt um den engen Kontakt mit der wissenschaftlichen Community:

PUBLISSO: Einsatz für Open Access

Ende Oktober hat das Open-Access-Publikationsportal für die Lebenswissenschaften – PUBLISSO – mit vielen Gästen bei Coffee Lectures und einer kleinen Party seinen ersten Geburtstag gefeiert (1). PUBLISSO und die Menschen dahinter sind mit dem Format „PUBLISSO unterwegs“, Vernetzungsworkshops und der Open-Access-Publikationsberatung nah an der wissenschaftlichen Community und somit gut vernetzt in der Open-Access-Bewegung. Ein Drittmittelprojekt läuft bereits (2), weitere sind in Vorbereitung.

ESFRI-Tagung bei ZB MED

Am 7. November tagte das Executive Board des European Strategy Forum on Research Infrastructure (ESFRI) zusammen mit der ESFRI Workinggroup on Investment Strategies in e-Infrastructures bei ZB MED: 20 Vertreterinnen und Vertreter aus den EU-Mitgliedsstaaten und der Europäischen Kommission diskutierten bei ZB MED über Perspektiven für die künftige Finanzierung digitaler Infrastrukturen (3).

Die europäische Vernetzung ist für ZB MED von besonderer Bedeutung, um international attraktive Mehrwertdienstleistungen für die Forschung anzubieten und auch Möglichkeiten der europäischen Förderung zu nutzen. Dr. Nelle, gehört dem ESFRI Executive Board an und hatte nach Köln eingeladen.

Generalsekretärin der Leibniz-Gemeinschaft zu Gast bei ZB MED

Bei einem Besuch in Köln am 15. November 2016 hat Christiane Neumann, Generalsekretärin der Leibniz-Gemeinschaft, einen Eindruck von ZB MED – Leibniz-Informationszentrum Lebenswissenschaften gewonnen (4). Dr. Nelle hat die Tätigkeitsschwerpunkte von ZB MED erläutert und Einblicke in den laufenden Transformationsprozess gegeben. Auch ein Besuch beim PUBLISSO-Team und Aktivitäten im Bereich Open Access standen auf der Agenda. Ein weiterer Programmpunkt war eine Führung durch die neu eröffnete Ausstellung „Hermann Schaaffhausen zum 200. Geburtstag“ von Dr. Ursula Zängl, die in Personalunion stellvertretende Direktorin von ZB MED und eine der Kuratorinnen der Ausstellung ist (5).


Weiterführende Informationen:

(1) PUBLISSO
(2) ZB MED Pressemitteilung: DFG fördert Projekt Living Handbooks
(3) ZB MED Pressemitteilung: Digitale Infrastrukturen für die Europäische Forschung
(4) ZB MED News: Generalsekretärin der Leibniz-Gemeinschaft zu Gast bei ZB MED
(5) ZB MED Pressemitteilung: Hermann Schaaffhausen zum 200. Geburtstag – Ausstellung bei ZB MED eröffnet

Ein Vergleich lebenswissenschaftlicher Ontologien mit dem Suchportal LIVIVO

Von Alexandra Hagelstein

Semantische Suche

Im letzten Blogbeitrag der LIVIVO-Labs „Beyond Metada“ haben wir die Vorgehensweise beschrieben, wie wir LIVIVO semantisch mithilfe von Entitäten aus Ontologien anreichern. Die Entitäten werden mit dem UIMA Framework extrahiert und in unserem ZB MED Knowledge Environment gespeichert.

Bei genaueren Betrachtungen sind uns weitreichende Überschneidungen aufgefallen. Beispielsweise zeigen unsere Wordclouds die häufigsten gefundenen Begriffe aus den Thesauri in LIVIVO (1).

Interdisziplinarität der Suche

LIVIVO als Suchportal für die Lebenswissenschaften enthält Publikationen aus den Bereichen der Medizin, des Gesundheitswesens, der Ernährungs-, Umwelt- und Agrarwissenschaften. Mit MeSH (Medical Subject Headings) wird das ZB MED Knowledge Environment mit medizinischer Terminologie angereichert, Agrovoc deckt den landwirtschaftlichen Bereich ab, DrugBank umfasst pharmazeutische Fachbegriffe.

Ähnlichkeitsvergleich der Ontologien

In einer aktuellen Publikation (2) haben wir die drei erwähnten Thesauri auf ihre Ähnlichkeiten verglichen. In den Thesauri und somit in den automatisch generierten Wordclouds überschneiden sich vor allem Oberbegriffe wie zum Beispiel „Patients“ oder „Methods“. Als Maß, um die Ähnlichkeit zwischen den Ontologien zu messen, verwenden wir den Jaccard-Koeffizienten. Er teilt die Anzahl der gemeinsamen Begriffe durch die Größe aller in den jeweiligen Thesauri vorkommenden Begriffe.
Je höher der Jaccard-Koeffizent – er kann maximal den Wert „1“ annehmen – desto größer ist die Ähnlichkeit der Thesauri.

Ergebnisse

Der Jaccard-Koeffizent zwischen den Thesauri MeSH und Agrovoc beträgt 0,09.
Beim Betrachten der 1000 häufigsten Begriffe aus dem ZB MED Knowledge Environment steigt dieser Koeffizient auf 0,3 an. Das heißt, dass viele der häufigen Begriffe aus dem Suchportal LIVIVO sowohl in dem MeSH-Thesaurus, als auch in Agrovoc enthalten sind.

Der Koeffizient zwischen Agrovoc und DrugBank ist im Vergleich dazu sehr niedrig und liegt bei 0,005. Die modellierten Begriffe im Thesaurus DrugBank sind im Wesentlichen durch spezifisches Wissen geprägt und enthalten weniger Oberbegriffe als die Thesauri MeSH und Agrovoc. MeSH und Agrovoc teilen sich einige Begriffe, da sie als Oberbegriffe in vielen Disziplinen anwendbar sind. So werden Begriffe wie „Therapy“ oder „Research“ in den Thesauri abgebildet, enthalten aber kein spezifisches und unterscheidbares Fachwissen.

Zwei Venndiagramme veranschaulichen die Ergebnisse. Diagramm A stellt die Überschneidungen zwischen den Thesauri MeSH, DrugBank und Agrovoc dar. Diagramm B zeigt die Überschneidung der 1000 häufigsten Begriffe in LIVIVO.

Venndiagramme

Venndiagramme zur Veranschaulichung der Ergebnisse

Fazit

Diese Ergebnisse zeigen Schwierigkeiten, die bei der Extraktion von Begriffen aus verschiedenen Wörterbüchern für die Literatursuche auftreten. Um die Überschneidung der Begriffe zu vermeiden, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die überschneidenden Oberbegriffe aus den Ontologien werden zusammengefasst und ergeben nur einen Treffer oder es wird ein Verfahren genutzt, dass die Oberbegriffe auslässt. Das Auslassen der Oberbegriffe würde jedoch zu einem Ausfall von Informationen führen, dafür könnte aber möglicherweise die Genauigkeit der Treffer erhöht werden.

 

Die Publikation wurde im Rahmen der EKAW (International Conference on Knowledge Engineering and Knowledge Management) (3) eingereicht. Die diesjährige EKAW Konferenz befasst sich mit der Wirkung von Raum und Zeit auf die Repräsentation von Wissen. Mit dem Suchportal LIVIVO ermöglichen wir unseren Nutzern den Zugang zu Literatur aus 55 Millionen Publikationen aus dem Bereich der Lebenswissenschaften.


 

(1) LIVIVO Laboratories
(2) Müller, B., Hagelstein, A., Gübitz T.: Life Science Ontologies in Literature Retrieval: A Comparison of Linked Data Sets for Use in Semantic Search on a Heterogueneous Corpus. Proceedings of the 20th International Conference on Knowledge Engineering and Knowledge Management, Bologna, Italy (2016)
(3) International Conference on Knowledge Engineering and Knowledge Management, Bologna (Italy), 19.-23. November 2016

Die mögliche Vielfalt der Impact-Messung: Anbietervergleich von Aggregatoren von Altmetriken

Von Robin Rothe und Jasmin Schmitz

Die „klassische“ Impact-Messung basierend auf der Zählung von Zitationen wird zunehmend als unzureichend erachtet. Hauptkritikpunkte sind hierbei, dass die von kommerziellen Anbietern generierten Zitationszahlen nicht offen einsehbar und daher wenig transparent sind. Zudem stehen diese nicht für alle Produkte wissenschaftlichen Forschungsoutputs wie Forschungsdaten oder Software zur Verfügung. Außerdem stellt das Zählen von Zitationen nur eine Möglichkeit dar, Impact zu messen (1). Zentrale Forderungen von Initiativen wie San Francisco Declaration on Research Assessment (DORA) (2) und Altmetrics Manifesto (3) sind daher, die Impact-Messung auf eine breitere Basis zu stellen und auch auf andere Formen der Nutzung auszuweiten. Diese Ausweitung wird unter dem Schlagwort „Altmetriken“ (engl. Altmetrics) diskutiert, einer Zusammensetzung aus „alternativ“ und „Metriken“. Dabei verstehen sich Altmetriken aber eher als Ergänzung zur klassischen Impact-Messung, weniger als Ersatz. Häufig werden diese auch als „article level metrics“ bezeichnet, weil entsprechende Zahlen auf der Ebene der Publikationen (z.B. Zeitschriftenartikel, Forschungsdatenveröffentlichung, Softwarepublikation, Blogbeitrag, Veröffentlichung von Präsentationsfolien) selbst erhoben werden.

Neben der Ermittlung, wie häufig Veröffentlichungen zitiert werden, wird auch gemessen, wie häufig diese beispielsweise abgerufen, gespeichert, geteilt, kommentiert oder empfohlen wurden. Insbesondere die Erwähnung in Sozialen Medien spielt dabei eine große Rolle, die mittlerweile Einzug in sämtliche Lebensbereiche gehalten haben und daher auch bei der Impact-Messung berücksichtigt werden sollen. Viele der Plattformen bieten mittlerweile die Möglichkeit, über eine API altmetrische Kennzahlen für Publikationen abzurufen. Häufig wird hierbei mit einem persistenten Identifikator wie dem DOI gearbeitet. Zudem gibt es eine Reihe von Datenaggregationen, die entsprechende Anbieter abfragen und die Kennzahlen gebündelt präsentieren. Die bekannteste Darstellungsform ist hierbei der „Donut“ von altmetric.com (4).

Möchte man selbst altmetrische Kennzahlen für Publikationen erheben (z.B. für sich selbst oder für Publikationen im Repositorium oder Publikationsdienst), stellt sich die Frage nach einem geeigneten Anbieter. Hierbei ist nicht unerheblich, wie viele und welche Datenquellen ausgewertet werden.

Die nachfolgende Tabelle informiert über verschiedene Datenaggregatoren und die Datenquellen, die sie auswerten. Das Schema beruht auf einer Zusammenstellung in Jobmann et al. 2014 (5); dort findet sich auch eine kurze Beschreibung zu PlumX, ImpactStory, Altmetric Explorer von altmetric.com und Webmetric Analyst. Neben diesen kommerziellen Anbietern gibt es seit 2009 Lagotto (6). Dabei handelt es sich um eine freie Software, die flexibel konfigurierbar ist und von PLOS entwickelt und via GitHub bereitgestellt wurde. Es wird u.a. von PLOS ONE, Copernicus Publications und CrossRef verwendet (7).

Tabelle mit den Datenaggregatoren und Datenquellen

Datenaggregatoren und Datenquellen

Es ist zu erkennen, dass insbesondere PlumX, aber auch die anderen Aggregatoren von Altmetriken bemüht sind, eine möglichst große Vielfalt an Datenanbietern zu identifizieren und in ihr Produkt zu implementieren. Erkennbar ist auch, dass neben den klassischen Zitationen auch „comments“, „likes“, „mentions“, „views“, „follower“s, „readers“, etc. ausgewertet werden.

Was sich aus der Tabelle nicht ablesen lässt, ist, was sich hinter den einzelnen Datenquellen und deren Kennzahlen verbirgt. Auch kann die Fülle aus 35 Datenquellen und 58 dazugehörigen Auswertungsmerkmalen bei der erstmaligen Betrachtung in dieser reinen Auflistung für Überforderung sorgen. Um diesem vorzubeugen, erscheint es sinnvoll, die einzelnen Datenquelle näher zu betrachten und genauer zu überprüfen, was diese im Kontext von Impact-Messung zu bieten haben. Dieses wird in der nachfolgenden Tabelle versucht zu erläutern:

Tabelle mit Datenquellen und Impactmessung

Datenquellen und Impactmessung – Erläuterung

Die Diversität macht deutlich, wie vielfältig Impact-Messung sein kann. Neben Microblogging-Dienste wie Twitter, Soziale Medien wie Facebook und Bookmarking-Dienste wie Mendeley werden auch Erwähnungen auf Blogs, in Wikipedia, in Patentdokumenten oder in „policy documents“ in Betracht gezogen. Zudem werden Schnittstellen von „Sharing“-Plattformen wie Repository-Anbietern, Figshare, Github und Video-Plattformen „angezapft“ und Bewertungsseiten wie Reddit ausgewertet (8).

Vor der Auswahl einer Datenquelle bzw. eines Aggregators empfiehlt es sich, die eigene Zielsetzung zu definieren (Welche Zahlen möchte ich für wen erheben und zu welchem Zweck?). Bei Nutzung aller möglichen Quellen und allen dort auswertbaren Daten kann es passieren, dass die eigenen Nutzerinnen und Nutzer auf Grund der Masse an Informationen überfordert sind. Gleichzeitig besteht die Gefahr der Beliebigkeit und damit der möglichen Einschränkung des Impact von Altmetriken. Andererseits ist es ja gerade der Sinn von alternativen Metriken, neben der klassischen Zählung von Zitationen auch andere Nutzungsdaten auszuwerten, weswegen eine zu starke Beschränkung auf wenige Werte das Potenzial missachten würde. Inwieweit alle hier dargestellten Kennzahlen tatsächlich dauerhaft in die altmetrische Impact-Messung Eingang finden, darüber lässt sich nur spekulieren. Vielfach ist noch unklar, wie sich Erwähnungen und deren Häufigkeit tatsächlich interpretieren lassen. Insbesondere dadurch, dass sowohl der Kontext, als auch der Inhalt nicht in die Auswertung mit einfließen, fehlt häufig ein Anhaltspunkt für die Qualität z.B. einer Erwähnung auf Twitter, einem Like bei Facebook oder aber auch einer Erwähnung auf einem Blog von WordPress. Auch ist bislang noch nicht geklärt, wie mit den Messwerten von „Views“ auf Videoplattformen wie Youtube und Vimeo umgegangen wird und was diese aussagen. Möglich wäre dabei auch eine unterschiedliche Gewichtung der Quellen. Es darf aber auch nicht vergessen werden, dass es gerade die Idee von alternativen Metriken ist, die bisherige Beschränkung auf wenige renommierte Quellen aufzubrechen und Nutzung viel genereller und offener darstellbar zu machen. Daraus ergibt sich auch die große Möglichkeit, dass für unterschiedliche Fachdisziplinen unterschiedliche Metriken Einfluss auf den jeweiligen Impact haben und damit fachspezifische Faktoren entworfen werden können.

ZB MED prüft derzeit die Möglichkeiten der Einbindung von Altmetriken in seine PUBLISSO-Publikationsplattformen, um Herausgeberinnen / Herausgeber und Autorinnen /Autoren, Informationen zur Nutzung der Publikationen bereitzustellen.


(1) Siehe auch: J. Schmitz (2016): Messung von Forschungsleistungen. Altmetrics: Auf dem Weg zur Standardisierung. In: Open Password Pushdienst vom 10.06.2016
(2) San Francisco Declaration on Research Assessment
(3) J. Priem, D. Taraborelli, P. Groth, C. Neylon (2010), Altmetrics: A manifesto, 26.10.2010
(4) Altmetric Badges
(5) A. Jobmann, Ch. P. Hoffmann, S. Künne, I. Peters, J. Schmitz, G. Wollnik-Korn (2014): Altmetrics for large, multidisciplinary research groups: Comparison of current tools. In: Bibliometrie: Praxis und Forschung. Band 3, urn:nbn:de:bvb:355-bpf-205-9
(6) Lagotto
(7) ALM – Article-Level Metrics
(8) Siehe hierzu auch S. Haustein (2016): Grand challenges in altmetrics: heterogeneity, data quality and dependencies. In: Scientometrics 108: 413-423. DOI:10.1007/s11192-016-1910-9.

Tipps & Tricks: Ermittlung von Zitationsraten für Zeitschriften, die nicht im Web of Science ausgewertet werden

Von Jasmin Schmitz

Für Herausgeber von wissenschaftlichen Zeitschriften stellt sich häufig die Frage: Wie wird meine Zeitschrift rezipiert? Abruf- und Downloadzahlen geben Aufschluss darüber, wie häufig Artikel angesehen wurden. Die „Währung“ im Wissenschaftsbetrieb sind allerdings Zitationen. Die Häufigkeit, mit der Artikel oder Zeitschriften zitiert werden, ist in unterschiedlichen Evaluierungskontexten von Interesse. Auch bei Zeitschriftenrankings wie den Journal Citation Reports (JCR) (1) spielen sie eine Rolle.

Für die Ermittlung von Zitationsraten benötigt man Zitationsdatenbanken wie Web of Science (2) und Scopus (3), die für die von ihnen aufgenommenen Zeitschriften auszählen, wie häufig die in dieser Zeitschrift erschienenen Artikel in den Referenzen anderer Artikel auftauchen. Google Scholar (4) erfasst ebenfalls Zitationsraten, ist aber aufgrund der fehlenden Transparenz und unzureichender Fehlerbereinigung nur bedingt zu empfehlen (5).

Doch was machen Zeitschriftenbetreiber, wenn ihre Zeitschriften nicht von den Zitationsdatenbanken indexiert werden? Dies betrifft häufig Zeitschriften-Neugründungen oder Zeitschriften, die aufgrund ihres speziellen thematischen Zuschnitts nicht in das „Auswertungsprofil“ der Zitationsdatenbanken passen. Entsprechende Zitatraten lassen sich mit etwas Aufwand ebenfalls mithilfe von Zitationsdatenbanken ermitteln. Hierzu kann in den Referenzen (engl. Cited References) der Artikel gesucht werden, die in Zeitschriften erscheinen, die in den Zitationsdatenbanken indexiert sind. Dort schaut man, wie häufig die gesuchte Zeitschrift zitiert wurde.

Das Vorgehen soll exemplarisch anhand des Web of Science erläutert werden.

 

Schritt 1 – Aufruf der „Cited Reference Search“:

Screenshot von Web of Science, Cited Reference Search

 

Schritt 2 – Suche nach der Zeitschrift im Feld „Cited Work“:

Screenshot von Web of Science, Cited Work

 

Schritt 3 – Durchsicht der Trefferliste:

Screenshot von Web of Science, Durchsicht der Trefferliste

Aufgelistet werden die Publikationen der gesuchten Zeitschrift, die zitiert wurden, alphabetisch sortiert nach dem Namen des Erstautors. In der Spalte „Citing Articles“ wird angegeben, wie häufig der entsprechende Artikel im Web of Science zitiert wurde. Um eine Zitationsrate für die gesamte Zeitschrift oder Jahrgänge zu ermitteln, müssten die Werte jeweils zusammengezählt werden. Da die Zeitschrift selbst nicht vom Web of Science indexiert wird, tauchen hier nur Artikel auf, die auch tatsächlich innerhalb des Web of Science zitiert werden.

Hakt man bei „Select“ einzelne Artikel an und geht anschließend auf „Finish Search“, so kann man die Artikel sehen, die die gesuchte Zeitschrift zitieren.

Grundsätzlich: Bei der Bewertung von sämtlichen Zitationszahlen sollte unbedingt beachtet werden, dass nur Referenzen innerhalb der jeweiligen Zitationsdatenbank ausgewertet werden (also Referenzen von Artikeln aus Zeitschriften, die in der Zitationsdatenbank indexiert werden). Die tatsächliche Anzahl der Zitationen kann daher höher sein.


 

(1) Thomson Reuters: Journal Citation Reports
(2) Thomson Reuters: Web of Science
(3) Elsevier: Scopus
(4) Google Scholar Help
(5) Jacso, Peter (2012): Using Google Scholar for journal impact factors and the h-index in nationwide publishing assessments in academia – Siren songs and air-raid sirens (final manuscript). Online Information Review, 36(3): 462-478. DOI: 10.1108/14684521211241503