Wir sind muTiger!

Von Sarah Matthews und Kathrin Hofmann

Nicht nur im Alltag wird man manchmal Zeuge von Situationen, die Zivilcourage fordern. Auch im Berufsleben ist es sehr hilfreich zu wissen, wie man im besten Interesse für sich selbst und andere diese Lagen meistert. Beispielsweise, um brenzlige Situationen schnellstmöglich zu entschärfen. Daher fand am 28. Juni bei ZB MED eine Fortbildung zum Thema „Zivilcourage“ statt, an der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Benutzungsbereich teilgenommen haben. Ein Kursleiter und eine Kursleiterin der muTiger-Stiftung aus Gelsenkirchen haben den Tag geleitet und gestaltet. Anhand von praktischen aber auch theoretischen Beispielen haben sie uns Zivilcourage und mögliche Reaktionen näher gebracht.

Zu Beginn der Fortbildung zeigte die Kursleiterin einen Kurzfilm mit einer nachgestellten Mobbingszene in einer U-Bahn. Sie stellte die Frage, welche Handlungs- und Hilfestellungen denkbar sind: Wie würden Sie reagieren, wenn eine einzelne Person von mehreren Personen bedrängt und belästigt werden würde? Wie würden Sie in einer solchen Situation handeln? Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es?

Zwei praxisnahe Liveszenarien, bei denen eine kritische Situation im Bus nachgespielt und ein Gang durch eine dunkle Gasse simuliert wurde, brachten Spaß und förderten den notwendigen Mut, sich in den entsprechenden Situationen richtig zu verhalten. Sie weckten Erinnerungen zu Situationen, die man selbst schon erlebt hat und bei denen man selbst Hilfe benötigt hätte bzw. Hilfe geleistet wurde. Wir nehmen von dem Tag die Erkenntnis mit, dass man nichts falsch machen kann, wenn man sich auf sein Bauchgefühl verlässt. Brenzlige Situationen muss man nicht alleine meistern. Frei nach dem Motto „gemeinsam sind wir stark“ sollten stets weitere Personen zur Mithilfe aufgefordert werden und natürlich die entsprechenden Notrufnummern bzw. -geräte in öffentlichen Verkehrsmitteln genutzt werden.

Gelernt haben wir:

  • Selbstbehauptung und Antiopfersignale
  • Wirksames Gefahrenradar
  • Aufforderung Anderer zur Mithilfe
  • Vermeidung von Täterkontakt
  • Absetzen eines Notrufs mit den fünf W-Fragen
  • Rechtliche Rahmenbedingungen

Wer gerne mehr über die muTiger-Stiftung erfahren möchte, kann sich auf ihrer Website umfangreich zum Angebot informieren.

Rückblick: ZB MED auf dem Bibliothekartag

Der Deutsche Bibliothekartag ist für ZB MED alljährlich ein wichtiges Forum, denn dort trifft sich die gesamte Fachcommunity. Bestehende Partnerschaften werden gepflegt, möglicherweise bahnen sich neue Kooperationen an. Außerdem zählen Bibliotheken zu den Kunden von ZB MED, denen wir unsere Dienstleistungen gerne zur Verfügung stellen.

So haben wir auch unser Engagement auf dem diesjährigen Bibliothekartag verstanden, der vom 30. Mai bis zum 2. Juni in Frankfurt am Main stattfand. In verschiedenen Veranstaltungen haben wir mit Anderen diskutiert und Informationen geteilt.

Am 31. Mai fand der Workshop „Open-Access-Beratung konkret: Welche Tools kann ich nutzen? Wie halte ich mich auf dem Laufenden?“ mit Dr. Jasmin Schmitz und Dr. Ursula Arning aus dem PUBLISSO-Team statt. Mehr als 100 Teilnehmende diskutierten sehr angeregt über Praxisfragen wie:

  • „Wie wird mit rechtlichen Fragen umgegangen?“,
  • „Wie bewerte ich Zeitschriften, die nicht im DOAJ gelistet sind?“ oder
  • „Wie vermittle ich den Forschenden, dass sie ihre Publikationen nicht auf Research Gate einstellen, sondern das institutionelle Repositorium nutzen?“

Fragen und Diskussionspunkte wurden dokumentiert und sind nun – wie auch die Präsentation – online abrufbar (1). Die Dokumentation verdeutlicht, wie vielschichtig der Alltag von Open-Access-Verantwortlichen ist!

Im Rahmen der PUBLISSO Open-Access-Publikationsberatung bietet ZB MED regelmäßig solche und ähnliche Workshops für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren an, die zum Ziel haben, Open-Access-Verantwortliche zu vernetzen und gleichzeitig im Sinne eines Train-the-Trainer-Ansatzes zu deren Kompetenzerweiterung beizutragen (2).

Ein zweiter Workshop von ZB MED fand ebenfalls am 31. Mai statt: „Open-Access-Publikationsangebot am Beispiel des Portals PUBLISSO von ZB MED“. Im Mittelpunkt stand das Content Management System Drupal, das dem ZB MED-Publikationsportal PUBLISSO als technische Grundlage dient und beispielsweise für die Publikation im Bereich „Plattform gold“ sowie für das Fachrepositorium Lebenswissenschaften eingesetzt wird. Die Wahl fiel auf Drupal, da es Funktionen anbietet, die speziell für die Publikation wissenschaftlicher Texte benötigt werden. Dr. Ursula Arning, Leiterin des ZB MED-Programmbereichs Open-Access-Publizieren und -Beraten, stellte zunächst PUBLISSO mit seinen verschiedenen Komponenten vor und gab eine Einführung in Drupal. Danach wurden die Teilnehmenden des Workshops aktiv und testeten Drupal live vor Ort.

In einer Diskussionsrunde war dann die Meinung der Teilnehmenden gefragt. Gemeinsam wurden Wünsche und Ideen entwickelt, welche zusätzlichen Tools für wissenschaftliches Publizieren wünschenswert und notwendig sind. So wurden beispielsweise die Möglichkeit der Mehrsprachigkeit und des kollaborativen Schreibens genannt. Die Workshop-Dokumentation ist ebenfalls inzwischen online (3).

Das Management von Forschungsdaten ist ein Thema, welches viele Wissenschaftseinrichtungen derzeit beschäftigt. Auf dem Bibliothekartag wurden verschiedene Sessions dazu angeboten. Birte Lindstädt, ebenfalls aus dem PUBLISSO-Team, hat im Rahmen einer praxisorientierten Session einen Vortrag zum Thema der Publikation lebenswissenschaftlicher Forschungsdaten gehalten. Unter anderem hat sie verschiedene Publikationswege vorgestellt, so zum Beispiel das Fachrepositorium Lebenswissenschaften von ZB MED. Auch dieser Vortrag ist nun online verfügbar (4).

Bereits zum zweiten Mal gab es beim Bibliothekartag die Möglichkeit, nicht nur analoge Poster in einer Ausstellung zu präsentieren, sondern auch kurze Videoclips, die ein fachlich relevantes Thema behandeln. ZB MED hat zwei Filme – beides Video-Tutorials – erfolgreich eingereicht:

  • „Wege zur Finanzierung der Open-Access-Publikationsgebühren“ (5)
  • „Recherchieren mit LIVIVO – ZB MED-Suchportal für Lebenswissenschaften“ (6)
Open Access Bibliothekartag Coffee Lecture

Coffee Lecture zur Open-Access-Publikationsberatung mit Dr. Jasmin Schmitz

Neben all diesen Punkten im Programm hat sich ZB MED in diesem Jahr erstmalig am Gemeinschaftsstand der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen (DGI) beteiligt, um uns und unsere Services vorzustellen. Besonderes Highlight waren an zwei Tagen verschiedene Coffee Lectures, bei denen unsere Expertinnen über Open-Access-Themen informiert und unser Rechercheportal LIVIVO vorgestellt haben. Diese Präsentationen können wir Ihnen nicht online zur Verfügung stellen, denn wir haben uns für ein etwas anderes Konzept entschieden. Die Kurzvorträge bei einer Tasse Kaffee wurden mittels Flip-Chart präsentiert. Die Kolleginnen haben dafür mit viel Kreativität ihre Charts von Hand gemalt!

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Weiterführende Links:
(1) Workshop-Präsentation und -Dokumentation „Open-Access-Beratung konkret: Welche Tools kann ich nutzen? Wie halte ich mich auf dem Laufenden?“
(2) Informationen zum PUBLISSO-Workshopangebot 
(3) Workshop-Präsentation und -Dokumentation „Open-Access-Publikationsangebot am Beispiel des Portals PUBLISSO von ZB MED“
(4) Präsentation des Vortrags „Publikation von Forschungsdaten in den Lebenswissenschaften: Fachrepositorium Lebenswissenschaften“
(5) Video-Tutorial: „Wege zur Finanzierung der Open-Access-Publikationsgebühren“
(6) Video-Tutorial: „Recherchieren mit LIVIVO – ZB MED-Suchportal für Lebenswissenschaften“

Videotutorial zu den “Finanzierungsmöglichkeiten von Open Access Publikationen” fertiggestellt

Von Jasmin Schmitz (Open-Access-Publikationsberatung) und
Bettina Kullmer (Informationskompetenz)

Als Orientierungshilfe hat ZB MED 2016 eine Übersicht an freien, thematischen Videotutorials in Deutsch und Englisch als Tabelle zusammengestellt und verlinkt. Bei der Analyse zeigte sich, dass eine Übersicht über die zahlreichen Finanzierungsmöglichkeiten für Open-Access-Publikationsgebühren fehlte. Im Rahmen eines Semesterpraktikums, das eine Studentin der Bibliothekswissenschaft der TH Köln bei ZB MED absolvierte, konnte diese Lücke geschlossen werden. So erarbeitete sie gemäß dem internen Konzept ein persona-basiertes Storyboard  und setzte es selbst mit der Software Animatron um. Das fertige Tutorial – in einer deutschen und englischen Version – ist nun online auf YouTube verfügbar. Eine zitierfähige Version ist jeweils im Fachrepositorium Lebenswissenschaften hinterlegt. Das Tutorial ist über eine Creative Commons Lizenz CC-BY-ND 4.0 nachnutzbar.

Viel Vergnügen beim Anschauen!

 


Weiterführende Links:

Videotutorials zu Open Access und Open Data (ZB MED Blog-Beitrag vom 7.2.2017)
Komplexes einfach visualisiert: Video-Tutorials von ZB MED (ZB MED Blog-Beitrag vom 13.6.2016)

 

Was macht ein FAMI in Schweden?

Von Martin Briel, Auszubildender bei ZB MED

Während ich in meinem gefühlt fünfzigsten und glücklicherweise letzten Praktikum in dieser Ausbildung sitze und diesen Artikel schreibe, erinnere ich mich gerne an ein Praktikum zurück, dass ich im Herbst 2016 absolviert habe. Damals habe ich für anderthalb Monate in Schweden gelebt und gearbeitet. Dass das nicht immer (aber meistens) schön war, erzähle ich jetzt.

Wie kommt man als Auszubildender an ein Auslandspraktikum?

Über das EU-Programm Erasmus+. Dieses wurde vor ein paar Jahren speziell für Auszubildende bzw. Berufstätige entwickelt. Der Name ist eine Anlehnung an das schon lange existierende Studentenaustauschprogramm Erasmus.

Im Falle eines Azubis wird der Kontakt zur Aufnahmeorganisation durch die Berufsschule des Azubis hergestellt. Da meine Berufsschule die Auslandspraktika zu dieser Zeit noch nicht anbot, haben wir Kontakt mit einer Schule in Essen aufgenommen. Eine Kollegin von mir ist dort zur Schule gegangen und hat im Laufe ihrer Ausbildung ein Praktikum in Kärnten gemacht.

Da mir Österreich zu bergig war, fragte ich, ob es nicht vielleicht noch ein bisschen weiter nördlich gehen würde. Tatsächlich wurde mir ein Praktikum in Westschweden angeboten.

Und warum Schweden?

Erstens: Warum nicht?

Zweitens: Deshalb:

Die Stadt Borås

Marktplatz Borås (Foto: Martin Briel)

Blick vom Wasser auf die Stadt Munksjön

Munksjön, Jönköping (Foto: Martin Briel)

Blick auf den Vätternsee

Vättern, Jönköping (Foto: Martin Briel)

Nach einem Vorbereitungsseminar und nie enden zu scheinendem Papierkram, ging es dann am 29. Oktober endlich los. Ich war entspannter, als ich angenommen hatte. Obwohl meine „längste“ Auslandserfahrung bis dato die 5 Tage waren, die ich alleine in England verbracht habe, um meinen ehemaligen Austauschschüler zu besuchen und ich in Schweden niemanden kannte, fiel die gesamte Anspannung von mir ab, als ich im IC nach Hamburg saß und mir bewusst wurde, dass es jetzt los gehen würde.

Und ja, ich bin nicht nach Schweden geflogen. Natürlich wäre es weitaus einfacher gewesen von Köln oder Düsseldorf nach Göteborg zu fliegen, aber bevor ich gesunden Geistes in ein Flugzeug steige, müsste die Welt untergehen.

Am nächsten Tag kam ich mittags in meiner über Airbnb gemieteten Wohnung in Borås (übrigens Buros gesprochen) an. Am Tag darauf ging es auch schon zum ersten Mal in die dortige Universität. Obwohl Borås „nur“ eine 100.000 Einwohner Stadt ist,  gibt es dort eine Universität. Sie gliedert sich in drei Fakultäten:

  • Fakultät für Textil, Technik und Wirtschaft
  • Fakultät für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt
  • Fakultät für Bibliothek, Information, Bildung und IT
Kartenausschnitt der Lage von Borås in Schweden

Lage von Borås in Schweden

Die dortige Bibliothek wird von den insgesamt ca. 13.000 Studierenden und Angestellten genutzt. Meine Aufgaben dort bezogen sich zum einen auf Tätigkeiten in der Bibliothek, wie zum Beispiel aussortieren (genannt makulieren) von Monographien, den Teilnahmen an Sitzungen und Meetings oder den Hospitationen bei allen Kolleginnen und Kollegen. Zum anderen gab es vorgegebene Aufgaben des ERASMUS+ Programms. Diese bestanden aus der regelmäßigen Führung eines Tagebuchs, dem Führen eines Interviews mit irgendeiner Person aus dem näheren ausländischen Umkreis, dem Erstellen von zwei großen PowerPoint-Präsentationen über die Qualitätssicherung im eigenen und dem ausländischen Betrieb und vielen, vielen anderen. Eigentlich unglaublich, wenn man bedenkt, dass alle diese Arbeiten nun für etliche Jahre auf einem Server in Brüssel vor sich hin vegetieren, bevor sie dann gelöscht werden …

Neben den ganzen Ausflügen ins Umland und nach Dänemark, der sehr abwechslungsreichen Arbeit und dem regelmäßigen „Fredags-Fika*“, gab es auch unschöne Seiten an dieser Zeit.

*Anmerkung des Autors: Fredags-Fika: Fredags heißt Freitag. Fika ist die schwedische Version einer Kaffeepause. Es ist eine soziale Institution! Neben übers Wetter reden und über das Kleid der Königin lästern … Jeden Freitag bringt jemand etwas zu essen mit; das ist meistens etwas Süßes. Man „feiert“ quasi, dass man die Woche erfolgreich hinter sich gebracht hat.

Kuchen in der Auslage einer schwedischen Bäckerei

Nein, das war keine der unschönen Seiten. In diesem Café habe ich regelmäßig zu Mittag gegessen, was meine Waage dann auch irgendwann gemerkt hat. Dieses Bild wollte ich nur hier reinbringen, um die Leserinnen und Leser hungrig zu machen. Hat’s geklappt? Gut! (Foto: Martin Briel)

Nun zu den wenigen unschönen Dingen:

Ich hatte in der regnerischsten Stadt Schwedens keinen Regenschirm dabei . Als ich mir dann einen kaufte, hat es natürlich nicht mehr geregnet.

Ich erkältete mich und hatte Medizin gegen ALLES dabei (wie Mütter eben so sind). Nur nichts gegen Schnupfen.

Ich habe meine Brille einmal in der Mitte durchgebrochen. Glücklicherweise hatte ich eine Ersatzbrille dabei. Dass Fika eine soziale Institution in Schweden ist, merkte ich am Tag darauf. Nachdem ich ein paar Kollegen erzählte, was mir widerfahren war, wussten es am Mittag alle.

Eine zerbrochene Brille

(Foto: Martin Briel)

Nach 6 Wochen ging es Ende Oktober leider schon wieder zurück. Ein paar Monate wäre ich gerne noch geblieben. Wegen der Kolleginnen und Kollegen, dem Essen, der Natur und dem Land.  Aber ich werde zurückkommen. Definitiv!


Praktikumsbericht unserer Auszubildenden in Österreich:
http://www.zbmed.de/fileadmin/user_upload/Profil/PDFs/Hand_in_Hand_durch_die_Alpen-mit_Logo2.pdf

„Es kommt darauf an“ – Das nicht ganz so große Bibliotheks-Benutzungs-FAQ

Von Mareike Grisse (Juristin) und Martin Briel (Auszubildender Fachangesteller für Medien- und Informationsdienste)

Haben Sie sich schon mal gefragt, warum die bösen Bibliothekarinnen und Bibliothekare aus heiterem Himmel Geld von Ihnen verlangen, wenn das von Ihnen ausgeliehene Buch mal wieder in den brennenden Grill gefallen ist?
Nein?
Wäre aber doch mal gut zu wissen, oder?

In diesem FAQ, wollen wir Ihnen anhand von Beispielen diese und andere rechtliche Kleinfragen beantworten, die Ihnen bestimmt schon seit Jahren auf der Zunge liegen.

 

  • Dürfen Nutzerinnen / Nutzer ganze Bücher scannen oder kopieren?

Bernie Bücherwurm interessiert sich für die Geschichte der Behandlung von aufgekratzten Mückenstichen. Glücklicherweise findet er eine 9000-seitige Chronik zu diesem Thema. Da es leider keinen Volltext im Internet gibt, ist Bernie gezwungen sich die 9000-seitige Chronik zu kopieren. Darum sitzt er nun seit 7 Tagen und 7 Nächten im Lesesaal der Bibliothek und scannt das Buch. Spätestens nach dem er sich einen Flachbildfernseher in den Lesesaal stellt und „Scrubs“ guckt, ist den Angestellten jedoch klar was er macht. Aber darf er überhaupt ein ganzes Buch scannen?

Bernie Bücherwurm erstellt eine Kopie. Das Urheberrecht spricht in diesem Fall von einer Vervielfältigung. Das Recht zur Vervielfältigung ist in § 53 UrhG geregelt. Beim § 53 UrhG ist für die Unterscheidung wichtig, zu welchem Zweck Bernie die Kopie erstellt. Erlaubte Zwecke sind z.B. der private Gebrauch oder der eigene wissenschaftliche Gebrauch.

Bernie darf, wenn er zum privaten Gebrauch kopiert, die gesamte 9000-seitige Chronik scannen.

Wenn Bernie zum eigenen wissenschaftlichen Gebrauch kopiert, dann kommt es darauf an, ob es wirklich geboten ist, das gesamte 9000-seitige Werk zu kopieren. Hierbei geht es um eine Abwägung des wissenschaftlichen Bedarfs und dem Grad der Beeinträchtigung des Urhebers. Dies kann in jedem Fall anders beurteilt werden.

 

  • In welchen Situationen kann einer Nutzerin / einem Nutzer Hausverbot erteilt werden?

Nachdem das geklärt ist, entfernt Bernie sein Feldlager, das er in der Bibliothek zum Scannen aufgestellt hat, wieder. Da er allerdings den Massagesessel, den Flatscreen, den Induktionsherd und die Waschmaschine nicht alleine tragen kann, hat er beschlossen, ein paar Freunde zur Hilfe zu rufen. Praktisch, dass es im Lesesaal so schön ruhig ist und er so in aller Seelenruhe mit den Umzugshelfern telefonieren kann. Leider ist telefonieren im Lesesaal strengstens verboten. Auch nach mehrfachen Aufforderungen der Bibliothekarin Susi Superstolz lässt Bernie das Telefonieren nicht sein. Und dann kommt auch noch die ganze Truppe zum Transport! Die Bibliotheksleiterin droht allen mit Hausverbot. Ab wann kann eine Nutzerin oder ein Nutzer der Bibliothek verwiesen werden?

Wenn die Bibliothek eine Benutzungsordnung hat, dann kann sich Susi Superstolz bei der Erteilung des Hausverbots darauf berufen. Auch ohne Benutzungsordnung hat sie ein Hausrecht von dem sie Gebrauch machen kann. Es ist nur viel schwieriger, das der Nutzerin / dem Nutzer zu erklären, als einfach zu sagen: „Ist so, steht da so, hängt am Eingang aus“.

Wenn Susi Superstolz das Hausverbot erteilt, dann muss dabei der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt werden.

Durch das Hausverbot muss ein legitimer Zweck verfolgt werden. Die Sicherstellung des ordentlichen Bibliotheksbetriebs kann ein solcher legitimer Zweck sein.

Das Hausverbot muss geeignet sein, den legitimen Zweck zu erfüllen. Wenn Bernie und seine Kumpels nicht mehr da sind, dann können alle wieder in Ruhe vor sich hindöse-ääh-arbeiten.

Es darf kein milderes, gleich wirksames Mittel geben. Susi Superstolz hat bereits Bernie und seine Freunde vergeblich gebeten ruhig zu sein. Alle in schalldichte Stoffe zu wickeln, ist sicherlich kein milderes geeignetes Mittel. Deshalb ist das Hausverbot erforderlich.

Als letztes muss geprüft werden, ob das Hausverbot angemessen ist. Dabei werden die geschützten Interessen miteinander abgewogen. Bernies Kumpel sind nur zum Aufräumen in die Bibliothek gekommen. Sie stören die anderen Benutzerinnen und Benutzer, die ihr in Art. 5 GG verbürgtes Recht, sich frei zu informieren und frei zu forschen, ausüben wollen. Hier können kreative Bibliothekarinnen und Bibliothekare noch einiges an Argumenten finden, weshalb ein Hausverbot erteilt werden darf.

Übrigens: Wenn man die Benutzungsordnung schreibt, dann muss man auch diese Verhältnismäßigkeitsprüfung im Hinterkopf durchspielen.

 

  • Warum und ab wann kann eine Bibliothek Schadensersatz verlangen?

Trotz all dem möchte Bernie mehr über das Thema herausfinden und leiht sich noch ein paar Bücher mehr aus. Ungeschickt wie er nun mal ist, fällt ihm das erste Buch in den brennenden Grill, das zweite wird mit Bier überschüttet und das dritte wird versehentlich bei 165° C frittiert. Die Angestellten in der Bibliothek sind außer sich – aber nicht vor Freude. Bernie weiß gar nicht was die haben. Lesbar sind die meisten Seiten doch noch, höchstens ein bisschen angesengt und verklebt. Trotzdem soll Bernie nun dafür bezahlen. Warum und wann darf eine Bibliothek überhaupt Schadensersatz verlangen?

Die Leihe ist ein in §§ 598 ff BGB geregelter Vertrag. Dabei wird der Entleiher Bernie verpflichtet, die entliehenen Bücher zurückzugeben. Wenn Bernie die Bücher schuldhaft beschädigt, dann muss er Schadensersatz leisten. Einzige Ausnahme: Verschlechterungen, die durch den vertragsmäßigen Gebrauch herbeigeführt werden, hat Bernie nicht zu vertreten (§602 BGB). Einzelne fettige Fingerabdrücke und gelegentliche Eselsohren entstehen beim vertragsmäßigen Gebrauch von Büchern. Brandflecken und Frittier-Schäden gehören nicht zum vertragsmäßigen Gebrauch und sind deshalb von Bernie zu ersetzen.

 

  • Soll bei „schwierigen“ Nutzerinnen / Nutzern sofort die Polizei eingeschaltet werden?

Bernie sieht immer noch nicht ein, dass er bezahlen muss und fängt eine Diskussion an, in der er nicht nur die Grundfesten unserer Gesellschaft anprangert, sondern auch alle anwesenden Angestellten verbal auf blumige Art und Weise beleidigt. Soll man in so einem Fall schon die Polizei holen?

Eine Beleidigung ist eine Straftat, die angezeigt und strafrechtlich verfolgt werden kann (§ 185 StGB). Eine Beleidigung ist die Kundgabe eigener Missachtung, Geringschätzung oder Nichtachtung. Wenn der Adressat durch die Äußerung verletzt wird, dann ist die Äußerung nicht mehr durch die allgemeine Meinungsfreiheit gedeckt. Sollten sich die Angestellten verletzt und in ihrer Ehre angegriffen fühlen, dann können sie natürlich die Polizei kontaktieren. Die Polizei kann eine Anzeige aufnehmen und die Personalien von Bernie Bücherwurm festhalten. Wann das Fass überläuft, ist in jeder Situation anders und von jedem einzelnen abhängig.

Die Polizei wird auch Bibliothekarinnen und Bibliothekare beschützen – das ist ihr Job.

 

Neuer Wissenschaftlicher Beirat für ZB MED

Am 22. und 23. März tagt erstmals der neue elfköpfige Wissenschaftliche Beirat von ZB MED, der vom ZB MED-Stiftungsrat für die Dauer von vier Jahren berufen wurde. Darin vertreten ist ein breit gespanntes Spektrum mit ausgewiesener Kompetenz und vielfältiger Erfahrung. So gehören dem Beirat Leitungen national und international renommierter wissenschaftlicher Einrichtungen und Bibliotheken an, die zugleich fachlich unsere Bandbreite in den Lebens- und Informationswissenschaften abdecken.

Die Aufgabe dieses wichtigen strategischen Gremiums besteht darin, ZB MED in wissenschaftlichen und programmatischen Fragen zu beraten. Der Wissenschaftliche Beirat stellt also eine Art Lotsendienst dar, der uns auf unserem Weg zurück in die Leibniz-Gemeinschaft kritisch begleitet und mit seinem Rat unterstützt.


Weiterführende Links:

Wissenschaftlicher Beirat ZB MED
Gesetz zur Errichtung einer Stiftung „Deutsche Zentralbibliothek für Medizin“
Satzung der Stiftung ZB MED

Wissenschaftlicher Beirat der ZB MED

 

Data Journals als Publikationsform in den Lebenswissenschaften

Von Birte Lindstädt und Robin Rothe

Neben den klassischen wissenschaftlichen Zeitschriften gibt es einen Journaltypus, der sich ausschließlich auf Daten bezieht, dabei vielleicht aber eher unbekannt geblieben ist. In diesem Blogbeitrag geht es darum, diese Data Journals vorzustellen und näher zu beleuchten.

Was ist ein Data Journal?

Data Journals veröffentlichen sogenannte „Data Papers“ – Veröffentlichungen, die sich mit der Beschreibung von Datensätzen befassen. Im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Artikeln, die Forschungsergebnisse zum Inhalt haben, geht es in den Data Papers hauptsächlich um die Darstellung und Beschreibung von Methoden, die zur Erstellung von Datensätzen eingesetzt wurden. Dies beinhaltet beispielsweise welche Messgeräte an welchem Ort in  welchem Zeitraum verwendet wurden, wie groß die jeweilige Grundgesamtheit an untersuchten Objekten ist und welche Berechnungen anhand welcher Formeln durchgeführt wurden. Zudem verweisen Data Papers auf den Speicherort, an dem sich die Datensätze befinden (in der Regel ein institutionelles oder fachbezogenes Repositorium). Zu beachten ist dabei, dass nur eine kleine Anzahl an Journals reine Data Journals sind. Wie in einer Studie von 2015 bezüglich Data Journals festgestellt wurde, sind die meisten Journals Mischformen, die sowohl normale Artikel als auch Data Papers publizieren (1). Zum anderen besteht zwischen den Journals nicht zwingend Einigkeit in der Benennung. Dies betrifft vor allem die Artikel. Diese werden z.B. als data article, dataset paper, data in brief, data note oder data original article bezeichnet (2).

Warum wurden Data Journals entwickelt?

Die Idee hinter Data Journals war ursprünglich, Forschungsergebnisse in Form von Datensätzen, die auf einem institutionellen Repositorium zwischen unzähligen anderen Daten versteckt lagen, bekannter zu machen, damit diese auch beachtet und gelesen werden (3). Es sollten also Forschungsergebnisse durch die Publikation von Beschreibungen von Datensätzen transparenter und besser sichtbar gemacht werden. Grundsätzlich ging es den Pionieren der Data Journals – das International Journal of Robotics Research erschien 2009 als erstes Data Journal – darum, die Datensätze zitierfähig zu machen und damit zu ihrer Verbreitung beizutragen. Zudem bieten sie eine Möglichkeit, die Ergebnisse von Forschung anhand einer Beschreibung der Vorgehensweise zur Erstellung der Daten zusätzlich inhaltlich aufzubereiten und für die Nachnutzung besser nachvollziehbar zu machen.

Wer bietet Data Journals an?

Neben vielen kleinen Anbietern von einzelnen Data Journals, welche zum Teil aus Fachgesellschaften entstanden sind, sind hier BioMed Central, Pensoft  und SpringerOpen als namhafte Verlage mit drei oder mehr Data Journals zu nennen, welche allerdings teilweise nur gemischte Journals anbieten (4). Dazu kommt Ubiquity Press (5) als kleinerer Verlag, welcher reine Data Journals anbietet.

Welche Beispiele aus den Lebenswissenschaften gibt es?

Für eine Betrachtung über die Lebenswissenschaften hinaus empfiehlt sich die Liste von Pauline Ward im Wiki der University of Edinburgh (6). Des Weiteren hat das Wiki forschungsdaten.org eine Liste mit Data Journals begonnen, welche zur Ergänzung herangezogen werden kann (7).

Wo liegen Problemfelder der Data Journals?

Da Data Journals noch recht neu sind, haben sich noch keine einheitlichen Regelungen für Autorinnen und Autoren gebildet. Insbesondere in Bezug auf inhaltliche Beschreibungen, die beispielsweise die Qualität der Messungen inklusive Benennung eventuell aufgetretener Anomalien oder die Informationen zur Nachnutzung betreffen, fehlen bei sehr vielen Data Journals Regeln. Dies kann zu erheblichen Qualitätsschwankungen von Data Papers innerhalb desselben Data Journals führen. Durch Peer-Review-Verfahren ist dies nur dann zu verändern, wenn der Peer-Review-Bogen den neuen Anforderungen angepasst wird und zum Beispiel bei Auslassungen von Messergebnissen, Ungenauigkeiten und anderen nicht dokumentierten Vorfällen gegebenenfalls ein Data Paper abgelehnt wird.

Darüber hinaus nimmt die Publikation von Forschungsdaten in eigens dafür vorgesehenen Repositorien zu, die die Ergänzung der Daten durch Metadaten fordern, um die Auffindbarkeit zu verbessern. Dadurch steigt der Anreiz, Forschungsdaten mit beschreibenden Metadaten aufzubereiten. Wenn dies nicht in den Metadaten direkt geschieht, dann gegebenenfalls über eine Art Read-me-Datei, die angefügt wird. Damit werden genau die Informationen abgebildet, die ein Data Paper beinhaltet. Dies gewährleistet die direkte Zitierung und den Zugriff auf die Forschungsdaten ohne den Umweg über ein Data Journal.

Trotzdem können Data Journals und die Idee dahinter eine Basis zur Diskussion sein, wie und in welchem (Mindest-)Maß Informationen zur Nachnutzung von Forschungsdaten mit eben diesen verknüpft werden.


 

(1) Vgl. Candela, Leonardo; Castelli, Donatella; Manghi, Paolo; Tani, Alice (2015): Data journals. A survey. In: J Assn Inf Sci Tec 66 (9), S. 1747–1762.  S.1750. Abgerufen am 01.02.2017

(2) Vgl. ebd. S.1752- 7153. Abgerufen am 01.02.2017

(3) Vgl. Pfeiffenberger, H., & Carlson, D. (2011). “Earth System Science Data” (ESSD)—A peer reviewed journal for publication of data. D-Lib Magazine, 17(1/2). Abgerufen am 01.02.2017

(4) Vgl. GBIF (o.J.): Journals that publish data papers. Abgerufen am 01.02.2017

(5) Vgl. Ubiquity Press (o.J.): UPmetajournals. Abgerufen am 01.02.2017

(6) Vgl. Ward, Pauline (29.09.2016): Sources of dataset peer review. Abgerufen am 01.02.2017

(7) Vgl. forschungsdaten.org (09.12.2016): Data Journals. Abgerufen am 01.02.2017

Video-Tutorials zu Open Access und Open Data – Tabelle online

Von Jasmin Schmitz, PUBLISSO Publikationsberatung

Video-Tutorials erfreuen sich schon seit längerem enormer Beliebtheit, da sie die Möglichkeit bieten, komplexe Inhalte audio-visuell aufzubereiten und somit Nutzerbedürfnissen nachkommen.

Auf der ZB MED-Publikationsplattform PUBLISSO findet sich eine Tabelle mit Video-Tutorials zu Open Access und Open Data (1). Zusätzlich wurden auch Videos zu Creative-Commons-Lizenzierung, Peer Review, Journal Impact Factor, h-Index und Altmetrics aufgenommen.

Tabelle mit Video-Tutorials

Tabelle mit Video-Tutorials

Die Tabelle bildete die Grundlage einer Untersuchung, deren Ergebnisse im März auf dem Bibliothekskongress in Leipzig vorgestellt wurden und in ausführlicher Form kürzlich in o-bib – dem offenen Bibliotheksjournal erschienen sind (2).

Auch ZB MED setzt im Rahmen der Open-Access-Publikationsberatung neben FAQs, persönlicher Beratung sowie Workshops und Vorträgen Video-Tutorials ein. Die Ergebnisse der oben genannten Untersuchung dienen der Entscheidungsfindung, zu welchen Themen Tutorials nachgenutzt werden können, beziehungsweise wo Lücken mit selbst produzierten Tutorials geschlossen werden können. Näheres zum Konzept von ZB MED findet sich in dem Beitrag „Komplexes einfach visualisiert: Video-Tutorials von ZB MED“(3).

In der Tabelle finden sich neben Links zu den Video-Tutorials noch einige Zusatzinformationen über die bereitstellende Institution/Person, das Thema, näheres zum Inhalt, Angaben zur Lizenz (sofern vorhanden), Länge, Sprache und inwieweit die Tutorials frei von institutionellen Bezügen sind.

Die Tabelle wird regelmäßig aktualisiert und ergänzt. Nutzerinnen und Nutzer sind eingeladen, eigene Vorschläge einzureichen. Die vorgeschlagenen Tutorials sollten sich mit den genannten Themen beschäftigen und idealerweise eine maximale Länge von fünf Minuten haben.


 

(1) Video-Tutorials zu Open Access und Open Data

(2) Schmitz, J.: Video-Tutorials zu Open Access und Open Data – Analyse und mögliche Nachnutzbarkeit. o-bib, das Offene Bibliotheksjournal, 2016

(3) Kullmer, B., Schmitz, J.: Komplexes einfach visualisiert: Video-Tutorials von ZB MED. ZB MED-Blog, 2016

„Hermann Schaaffhausen zum 200. Geburtstag“ – Vortrag zur Ausstellungseröffnung

Vom 15. Oktober 2016 bis zum 26. März 2017 zeigt ZB MED in der Hauptbibliothek in Köln die Ausstellung „Hermann Schaaffhausen zum 200. Geburtstag“. Die Ausstellung präsentiert Originalfunde, Dokumente und weiteren Objekte und gibt so einen Einblick in das Leben und Werk des Bonner Anthropologen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem LVR-LandesMuseum Bonn, wo sie bis zum 15. Oktober 2016 zu sehen war.

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Priv.-Doz. Dr. Ralf W. Schmitz hält den Eröffnungsvortrag zur Schaaffhausen-Ausstellung Foto: ZB MED / K.P. Schmidt

Den Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung hielt Priv.-Doz. Dr. Ralf W. Schmitz, Wissenschaftlicher Referent für Vorgeschichte des LVR-LandesMuseums Bonn, der gemeinsam mit Dr. Ursula Zängl, Stellvertretende Direktorin von ZB MED, die Ausstellung kuratiert hat. Im Eröffnungsvortrag gibt Dr. Schmitz einen Einblick in die Entstehung der Ausstellung und einen Überblick über die Bedeutung Schaaffhausens für die Wissenschaft:

„Die Idee zu dieser Ausstellung entstand vor mehreren Jahren aus einer Zusammenarbeit zwischen ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften und dem LVR-LandesMuseum in Bonn. Frau Dr. Ursula Zängl, stellvertretende Direktorin von ZB MED und Mitkuratorin der Ausstellung, hat ihre wissenschaftsgeschichtliche Dissertation über Leben und Werk Hermann Schaaffhausens verfasst und nicht nur dabei einen enormen Fundus zur Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts zusammengetragen.

Ein zweiter Handlungsstrang begann 2006 im Umfeld der Jubiläumsausstellung zum 150. Jubiläum der Entdeckung des Urmenschen aus dem Neandertal. Zu dieser Zeit entdeckte unsere Bibliothekarin Susanne Haendschke, ebenfalls Schaaffhausen-Mitkuratorin, im Buchbestand des Landesmuseums einige Bände der verloren geglaubten Bibliothek Schaaffhausens. Inzwischen sind daraus über 170 Titel geworden.

Der dritte Handlungsstrang ist in meinen eigenen Arbeiten am Neandertaler und an seiner Fundstelle begründet. Immer wieder beschäftige ich mich mit den Schriften meiner wissenschaftlichen Vorgänger, der Name Schaaffhausen taucht dabei überproportional häufig auf und man wird neugierig. Wer war Hermann Schaaffhausen?

Gymnasialheft Schaaffhausens mit fiktivem Brief an seine Eltern Foto: ZB MED / Christian Wittke

Gymnasial-Schulheft Schaaffhausens mit fiktivem Brief an seine Eltern
Foto: ZB MED / Christian Wittke

Geboren wurde er am 19. Juli 1816 als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten in Koblenz. Bereits in seiner Schulzeit beschäftigte er sich mit naturgeschichtlichen Fragen. Viele weitere Anregungen erhielt er während seiner Studienjahre in Bonn und Berlin. In der Hauptstadt erfolgte 1839 die Verleihung des Doktortitels, auch legte er hier im Folgejahr die Ärztliche Staatsprüfung ab. Schaaffhausen war nun Anatom, Anthropologe, Mediziner – die Fachgrenzen waren damals nicht so deutlich wie heute.

Schaaffhausen ist ein Kind des 19. Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, das wie kaum ein anderes für Aufbrüche und Umbrüche steht. Viele große Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen wirkten im 19. Jahrhundert oder legten den Grundstein für ihre Erfolge in dieser Zeit. Zu Ihnen zählen Max Planck und Albert Einstein in der Physik, Robert Koch in der Mikrobiologie, das Röntgen wurde entdeckt, lenkbare Luftschiffe entwickelt, das Automobil konzipiert, der Grundstein für den Flugzeugbau gelegt, der Schiffbau revolutioniert, das erste Transatlantikkabel verlegt. Jules Verne schrieb über phantastische Dinge wie etwa einen Flug zum Mond oder von einem U-Boot, das unter dem Polareis hindurch taucht, Rudolf Virchow verfasste seine Cellularpathologie, Heinrich Schliemann fand Troja, Charles Darwin veröffentlichte sein Werk zur Evolutionstheorie, Sir Charles Lyell revolutionierte die Geologie, Lois Agassiz verstand die Eiszeitgletscher…

Reisepass von Hermann Schaaffhausen Foto: ZB MED / Christian Wittke

Reisepass von Hermann Schaaffhausen
Foto: ZB MED / Christian Wittke

In diesem Jahrhundert wurde Europa aber auch neu geordnet, Deutschland fand seine Einheit, tragischerweise im Spiegelsaal von Versailles, was bereits den Keim zu weiteren Konflikten in sich trug. Die industrielle Revolution entwickelte Landschaften und verwüstete andere mit dem neu erfundenen Dynamit, wie zum Beispiel das Neandertal, zuvor an Naturschönheit auf Augenhöhe mit der schweizerischen Via Mala. Ein zuvor unbekannter Hunger nach Energie führte zu einer maßlosen Befeuerung aller Ideen mit fossilen Brennstoffen. Ja, auch der sich heute abzeichnende Untergang weiter Küstenlandschaften durch den Anstieg des Meeresspiegels wurzelt in dieser Epoche des Aufbruchs.

Sehr früh entwickelte Hermann Schaaffhausen seine Leidenschaft für Altertümer. Diese verstärkte sich nach seiner Rückkehr aus Berlin an den Rhein und der Habilitation in Bonn bald hin zu den frühen Zeugnissen der Menschheitsgeschichte. Wenn man mag, könnte man ihn letztlich als Mediziner, Anatom und Prähistoriker bezeichnen. Als Professor der Universität Bonn hielt er ab 1845 bis zu seinem Tod 1893 attraktive und gut besuchte Vorlesungen.

Buch aus der Bibliothek Hermann Schaaffhausens

Werk aus der Bibliothek Hermann Schaaffhausens

Schon in den frühen 50er Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, ob die Arten der Tier- und Pflanzenwelt wirklich unveränderlich sind, wie es die gängige Lehrmeinung vorgab. Seine Überlegungen münden im 1853 erschienenen Werk „Ueber Beständigkeit und Umwandlung der Arten“. Charles Darwin bezeichnete es einige Jahre später als „an excellent pamphlet“.

Dr. Ralf W. Schmitz und Dr. Ursula Zängl erläutern bei einer Führung durch die Ausstellung den Neanderthaler-Fund Foto: ZB MED / K.P. Schmidt

Dr. Ralf W. Schmitz und Dr. Ursula Zängl erläutern bei einer Führung durch die Ausstellung den Neandertaler-Fund.
Foto: ZB MED / K.P. Schmidt

Hierin schreibt Schaaffhausen über die Veränderung von Arten in der Zeit, nimmt Umweltfaktoren als Auslöser an und nennt als Zeitraum für die Veränderungen mehr als 100.000 Jahre – unerhört aus dem Blickwinkel der meisten Zeitgenossen, in deren Augen die Welt vor gerade einmal 6000 Jahren erschaffen worden war. Auch bezieht er, anders als Darwin, den Menschen bereits 1853 deutlich mit ein. Er glaubt an die heftig umstrittene Gleichzeitigkeit von Mensch und ausgestorbenem Mammut, und, nun wird es noch spannender, er sieht Belege für eine ausgestorbene Menschenform, die urtümlicher war als der heutige Mensch – unerhört aus der Weltsicht zur Mitte des 19. Jahrhunderts.
Dies geschieht, wohlgemerkt, bereits vor der Entdeckung des Skelettes aus dem Neandertal. Dieser Fund trat im Winter 1856 / 57 mit aller Wucht in sein Leben und hat es für immer verändert.

Der Naturforscher Johann Carl Fuhlrott übertrug ihm die Untersuchung der wenige Monate zuvor entdeckten Skelettreste aus dem Neandertal. Diese waren damals noch Bestandteil der Sammlung Fuhlrotts in Elberfeld. Schaaffhausen ordnete die Knochenreste zusammen mit anderen Funden, wie dem Schädel von Gibraltar, korrekt einer urtümlichen Menschenform zu. Der Fund aus dem Neandertal geriet zum Kristallisationspunkt der oft polemisch geführten Kontroverse um die Existenz fossiler Menschen, die bald alle Gesellschaftsschichten erfasste. Schaaffhausen präsentierte den Neandertaler auf zahlreichen internationalen Kongressen und bewirkte, dass sich Koryphäen wie der Geologe Sir Charles Lyell und der Zoologe Thomas Henry Huxley an der Diskussion beteiligten. Hierdurch erhielt der Neandertaler, ausgehend von den Britischen Inseln, eine faire Chance der Anerkennung.

Sehr schön sieht man auf diesem Ausschnitt eines Tagungsgruppenbildes von 1887 Hermann Schaaffhausen und Rudolf Virchow. Als Puffer dazwischen kein Geringerer als Troja-Entdecker Heinrich Schliemann. Foto: ZB MED / Christian Wittke

Sehr schön sieht man auf diesem Ausschnitt eines Tagungsgruppenbildes von 1887 Hermann Schaaffhausen und Rudolf Virchow. Als Puffer dazwischen kein Geringerer als Troja-Entdecker Heinrich Schliemann.
Foto: ZB MED / Christian Wittke

Der größte Kontrahent Schaaffhausens in der Diskussion um den Neandertaler war der Mediziner Rudolf Virchow. Er hatte 1872 alle Skelettunterschiede zwischen Neandertaler und heutigem Menschen für krankheitsbedingt erklärt. Mit dieser Fehleinschätzung behinderte er aufgrund seines enormen Einflusses die inländische Forschung bis zu seinem Tod im Jahre 1902 erheblich. Somit war das Verhältnis der beiden Wissenschaftler nicht gerade herzlich zu nennen.

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Foto: ZB MED / Christian Wittke

Nach Fuhlrotts Tod 1877 planten die Erben den Neandertaler zu verkaufen. Es lag bereits ein gutes Angebot aus England vor. Da unser Museum nicht über die benötigten Geldmittel verfügte, sprang Hermann Schaaffhausen ein. Die erforderliche Summe von 1.000 Goldmark bestritt er aus seinem eigenen Vermögen. Seither ist der Neandertaler das bedeutendste Exponat des Landesmuseums. Die Präsenz des Fundes in Bonn ermöglichte es Schaaffhausen, in Ruhe sein 1888 erschienenes Abschlusswerk „Der Neanderthaler Fund“ vorzubereiten.

Voegelchen_Andernach_freiEbenfalls auf Schaaffhausen zurück geht der kleine Vogel von Andernach. Eiszeitjäger hatten ihn vor fast 16.000 Jahren aus Ren-Geweih geschnitzt. Hermann Schaaffhausen grub den Rastplatz der Jäger auf dem Martinsberg in Andernach 1883 aus und zog anhand der Steinwerkzeuge korrekte Parallelen zur eiszeitlichen Kultur des Magdalénien in Frankreich. Über den Vogel schreibt er: „Das schönste Schnitzwerk … ist ein unteres Geweihstück vom Rennthier, welches zu einem Vogel geschnitzt ist. … Es sind zwei Perlen der Krone des Geweihs benützt, um die Augen des Vogels darzustellen, dessen Schnabel an der Wurzel breit, gerade und spitz ist, die Federn des Kopfes sind wie zu einer Haube aufgerichtet. Flügel und Schwanz sind mit Längsstrichen deutlich angedeutet.“ Diese Zeilen erheben ihn zum Entdecker der Eiszeitkunst im Rheinland.

Aber auch abseits des engeren Fachzirkels war Hermann Schaaffhausen sehr aktiv und, wie man heute sagen würde, gut vernetzt. So hatte der junge Kronprinz Wilhelm in seiner Bonner Studienzeit Vorlesungen bei Schaaffhausen gehört und war gerngesehener Gast in der Villa Schaaffhausen in Bad Honnef. Als Kaiser Wilhelm II kehrte er gerne hierher zurück, manchmal mit seiner Gattin, die beiden hatten ein eigenes „Kaiserzimmer“ in der Villa. Dasselbe gilt für das schwedische Königspaar und einige andere Vertreter des europäischen Adels. Männer wie Schaaffhausen konnte Preußen natürlich gut gebrauchen, um das Rheinland vielleicht doch noch in den Griff zu bekommen …

Die Exponate kommen aus dem LVR-LandesMuseum Bonn nach Köln.

Die Exponate kommen aus dem LVR-LandesMuseum Bonn nach Köln.

So gehörte er denn auch ab 1874 zur Gründungskommission der Provinzialmuseen in Trier und Bonn, Vorläufer der heutigen Rheinischen Landesmuseen. Bei diesen Museen handelt es sich um politische Geschenke des fernen Berlin an die Rheinprovinz, die damals bis in das nördliche Saarland reichte – mit erfreulichen Folgen für unseren archäologischen Sammlungsbestand.

Schaaffhausen als Begründer der Urmenschenforschung in Deutschland verstand es sogar, Evolutionslehre und katholischen Kirchenvorstand in einer Person zu vereinen. Auch war er ein engagierter Förderer des kulturellen Lebens in der Region. Nach Anfangsschwierigkeiten feierte man im August 1845 das erste Beethoven-Fest. Schaaffhausen gehörte dem Festkomitee an, führte die Korrespondenz und wirkte am Programm mit. Auch gründete er ein Komitee zur Errichtung eines Denkmals für Robert Schumann. In seiner Rede zur Einweihung 1880 hob er die Bedeutung der Musik als Kunstform hervor. In der Rede schwingen aber auch starke persönliche Emotionen mit. Diese finden sich auch in einer Bauinschrift eines Rundbaus im Garten seiner Villa in Bad Honnef, hier in klarem Bezug zu seiner plötzlich und zu früh verstorbenen Frau. Anna Lorenz scheint die Liebe seines Lebens gewesen zu sein, denn Hermann Schaaffhausen hat sich trotz aller Kontakte und Möglichkeiten nie mehr gebunden.Hermann Schaaffhausen starb am 26. Januar 1893 in Bad Honnef und wurde unter großer Anteilnahme auf dem Alten Friedhof in Bonn beigesetzt.

Viele Informationen über Leben und Werk Schaaffhausens finden sich im Internetportal von ZB MED. Gleiches gilt für die wiederentdeckten und digitalisierten Bände aus der Bibliothek Schaaffhausens. Das Portal bleibt auch nach der Laufzeit der Ausstellung dauerhaft aktiv und wird fortlaufend ausgebaut und ergänzt.

Eine solche geplante Ergänzung ist zum Beispiel ein wichtiger Teil der wissenschaftlichen Kartei Hermann Schaaffhausens. Sie ist mit einer schönen Geschichte verbunden. Mein Kollege Hoyer von Prittwitz stand vor knapp zwei Jahren in meiner Bürotür mit den Worten: „Du interessierst Dich doch für Schaaffhausen, das hier ist was für Dich“. Es verschlug mir bereits bei der ersten Sichtung die Sprache, denn in dem überreichten Archivkasten befanden sich zahlreiche Karten mit Fotos und Zeichnungen anthropologischer Fundstücke, allesamt mit Beschriftungen aus der Feder Schaaffhausens. Diese werden nun gesichtet, digitalisiert und in das Portal integriert.

Die Realisierung der Ausstellung wäre natürlich nicht möglich gewesen ohne das Team von ZB MED und des LandesMuseums. Wir hatten aber auch sehr wohlwollende Leihgeber. Danken möchte ich

  • der Universitäts-und Landesbibliothek Bonn,
  • den Stadtarchiven in Koblenz und in Bonn,
  • dem Preußen-Museum-Minden,
  • dem Anatomischen Institut der Universität Bonn
  • sowie der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.

Ich wünsche der Ausstellung und damit Hermann Schaaffhausen eine gute Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.“


Weiterführende Informationen:

Digitale Sammlungen von ZB MED
Themenportal Schaaffhausen

Institutionelle Data Policies am Beispiel der deutschen Hochschullandschaft

von Birte Lindstädt und Robin Rothe

Im Blogbeitrag „Data Policies bei wissenschaftlichen Verlagen“ wurde bereits angedeutet, dass Data Policies schon seit längerem ein viel diskutiertes Thema auf institutioneller Ebene sind. Zum besseren Verständnis und zur Verortung der Policies von wissenschaftlichen Verlagen soll in diesem Blogbeitrag der Status Quo zu diesem Thema in der deutschen Hochschullandschaft beleuchtet werden. Dabei spielen die „Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ seitens der DFG (1)  eine bedeutende Rolle. Sie gelten als Maßstab im Bezug auf den Umgang mit Forschungsdaten und damit auch der Festlegung von Regeln bzw. Verhaltenskodizes. In diesem Zusammenhang hat die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) im November 2015 auf der 19. Mitgliederversammlung Empfehlungen zur Steuerung der Entwicklung von Forschungsdatenmanagement seitens der Hochschulleitungen beschlossen (2).

Die nachfolgende Tabelle orientiert sich an den dort festgelegten Punkten eines idealtypischen Prozesses zur Erstellung von Richtlinien für Forschungsdatenmanagement im Hochschulkontext, die auch auf andere Institutionen übertragen werden können. Ergänzt werden die dort genannten Bestandteile einer Data Policy durch Beispiele aus bereits existierenden Research Data Policies, die aus dem Wiki „forschungsdaten.org“ entnommen wurden (3). Die vorgestellte Liste der Beispiele ist nicht abschließend. Weitere Hochschulen haben mittlerweile eine Data Policy beschlossen – wie z. B. die RWTH Aachen (4), die aber nicht auf „forschungsdaten.org“ verzeichnet wurden.

Tabelle: Zielsetzung und Bestandteile einer Research Data Policy

Zielsetzung und Bestandteile einer Research Data Policy

Die Reihenfolge, wie sie die HRK empfiehlt, wird in den einzelnen Data Policies nicht unbedingt eingehalten und es werden nicht in allen Policies alle Punkte abgedeckt. Dies kann aber in Anbetracht der Tatsache, dass alle vorgestellten Policies vor dem Beschluss der HRK Ende des Jahres 2015 formuliert und veröffentlicht wurden, nicht erwartet werden. Vielmehr ist erkennbar, dass bereits vor einer hochschulübergreifenden Debatte an einzelnen Universitäten das Thema Forschungsdaten und dabei insbesondere die Bedeutung von Data Policies als Instrument im Forschungsdatenmanagement erkannt wurden. Insofern haben alle genannten Hochschulen Pionierarbeit in Sachen Research Data Policies in Deutschland geleistet.


(1) DFG (2013). Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis: Empfehlungen der Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“. In DFG (2013). Denkschrift „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ (S.5-55).

(2) Vgl. Hochschulrektorenkonferenz (2015). Wie Hochschulleitungen die Entwicklung des Forschungsdatenmanagements steuern können. Orientierungspfade, Handlungsoptionen, Szenarien: Empfehlung der 19. HRK-Mitgliederversammlung am 10.11.2015.

(3) Vgl. Data Policies: Institutionelle Policies (17.10.2016). In forschungsdaten.org.

(4) RWTH Aachen (2016): Forschungsdatenmanagement an der RWTH Aachen.