Aufbau einer Community für digitale Kompetenz bei ZB MED: Carpentries und HackyHours

Ein Ort, an dem alle zusammenkommen können, um sich auszutauschen und voneinander zu lernen

Von Eva Seidlmayer, Konrad Förstner, Silvia Di Giorgio, Chris Erdmann

Für ZB MED gehören Trainingsaktivitäten zum Aufbau datenwissenschaftlicher Fähigkeiten zu den zentralen Aufgaben und wichtigen Services. Dafür bietet das Informationszentrum Library und Software Carpentry Workshops an. Es spricht damit sowohl die Bibliotheks- als auch die lebenswissenschaftliche Community an. Inzwischen halten im ZB MED-Team drei zertifizierte Instruktorinnen und Instruktoren (Silvia Di Giorgio, Till Sauerwein, Konrad Förstner) die Workshops ab. Außerdem ist Konrad Förstner zertifizierter Trainer zur Ausbildung der Instruktoren. Darüber hinaus unterstützen weitere Teammitglieder die Durchführung und Weiterentwicklung der Carpentry Workshops:

Der erste Software Carpentry Workshop bei ZB MED mit Silvia di Giorgio.

First Software Carpentry Worshop at ZB MED with Silvia di Giorgio.

  • Git – Eva Seidlmayer und Silvia Di Giorgio
  • Python – Konrad Förstner
  • Wikidata – Muhammad Elhossary, Till Sauerwein und Konrad Förstner.

Seit Mitte 2018 hat das ZB MED-Team fünf interne Library Carpentry Workshops und einen externen Software Carpentry Workshop veranstaltet. Weitere Workshops fanden an der Universität zu Köln, dem ZBIW, der TIB Hannover, dem DRL Berlin, der FU Berlin und der TU Wien statt.

Nach der Veranstaltung stellt sich immer wieder eine Frage: Was passiert nach einem Library Carpentry Workshop?

Die Workshops geben den Teilnehmenden Starthilfe. Danach müssen sie selbst weiter machen und das Gelernte anwenden. Um diese kontinuierliche Weiterbildung zu unterstützen, veranstaltet ZB MED wöchentlich HackyHours – informelle Treffen, bei denen sich die Teilnehmenden über Code, Tools und Forschung austauschen können. Den Namen und das Konzept haben Till, Silvia und Konrad aus Würzburg mitgebracht, wo sie mehrere Software Carpentry Workshops mit anderen Dozentinnen und Dozenten gehalten haben. Bei den HackyHours wird Kaffee angeboten – natürlich kostenlos – und alle können Themen mitbringen. Es liegt an den Moderatorinnen und Moderatoren, die Interessen und Anforderungen der Teilnehmenden gleichermaßen zu beachten.

HackyHour am Standort Bonn von ZB MED

Die HackyHour findet meist am Standort Köln von ZB MED statt, gelegentlich aber auch am Standort Bonn.

Neben den unterschiedlichen Hintergründen und Kenntnissen müssen die HackyHour-Moderatorinnen und -Moderatoren bei ZB MED auch die Sprachbarrieren berücksichtigen. Während die Beschäftigten von ZB MED überwiegend Deutsch sprechen, sprechen die meisten wissenschaftlich Mitarbeitenden neben ihren jeweiligen Muttersprachen auch Englisch. Trotz dieser Herausforderungen ist das Team bestrebt, die HackyHours integrativ zu gestalten und allen die Teilnahme zu ermöglichen. Dabei wird Englisch gesprochen und bei Bedarf gibt es eine simultane Peer-to-Peer-Übersetzung ins Deutsche.

Die HackyHours-Themen sind sehr vielfältig und variieren von Woche zu Woche, da sie oft von Zeitplänen und Terminen beeinflusst werden. Seit November 2018 sind nicht nur Interne, sondern auch Kolleginnen und Kollegen aus anderen Institutionen beteiligt. Die Themen reichen von der Einführung in Python, Erfahrungen mit verschiedenen integrierten Entwicklungsumgebungen bis zu Single-Board-Computer-Arduino-Projekten und Docker-Containern.

Prof. Rebholz-Schuhmann, Wissenschaftlicher Direktor von ZB MED, sagt: „HackyHours bei ZB MED geben den Menschen die Möglichkeit, sich zu treffen, verschiedene Themen auszutauschen und zu diskutieren und weiter zu lernen. Das ist eine wichtige Aufgabe für uns als Informationszentrum.“

ZB MED und seine Community sind gespannt, wie sich die HackyHours und die Teilnehmenden in naher Zukunft weiterentwickeln werden. Die Kombination aus den Carpentries Trainings und HackyHours bietet einen hilfreichen und sinnvollen Rahmen für den Ausbau der digitalen Kompetenz und die Vorbereitung des Informationszentrums auf die Weiterentwicklung der Forschungsdienstleistungen.


Dieser Artikel ist übertragen aus dem Englischen Blog-Beitrag
Building a Community for Digital Literacy at ZB MED: The Carpentries and HackyHours, erschienen im Blog der Library Carpentry am 19.6.2019.

Er ist unter einer Creative Commons Attribution 4.0 International License lizenziert.

Autorinnen und Autoren: Eva Seidlmayer, Konrad Förstner, Silvia Di Giorgio, Chris Erdmann
Übersetzung: Ulrike Ostrzinski


Weitere Informationen:

The Carpentries
Library Carpentry
HackyHour Cologne

Was uns im März bewegt hat – Aktuelles zu Open Science, FAIR Data und Digitalisierung …

Auf unserem Twitter-Kanal informieren wir über aktuelle Artikel, Blogposts, Podcasts etc., die sich mit Entwicklungen rund um Open Science, FAIR Data oder allgemein mit der Digitalisierung befassen. Einmal im Monat geben wir Ihnen an dieser Stelle einen kurzen Überblick mit Beiträgen, die uns besonders bewegt haben. Im März war das natürlich die Open Science Conference mit dem dazugehörigen Bar Camp und die Dokumentation dazu im Open Science Radio. Aber es gab auch noch anderes zu berichten:

Was uns im Februar bewegt hat – Aktuelles zu Open Science, FAIR Data, Digitalisierung …

Auf unserem Twitter-Kanal informieren wir über aktuelle Artikel, Blogposts, Podcasts etc., die sich mit Entwicklungen rund um Open Science, FAIR Data oder allgemein mit der Digitalisierung befassen. Einmal im Monat geben wir Ihnen an dieser Stelle einen kurzen Überblick mit Beiträgen, die uns besonders bewegt haben. Im Februar war das zum Beispiel das Thema FAIR Data und dazu auch der Sprint „Top 10 FAIR Data & Software Things“ oder der Plan S.

Was uns im Januar bewegt hat – Aktuelles zu Open Science, FAIR Data, Digitalisierung …

Auf unserem Twitter-Kanal informieren wir über aktuelle Artikel, Blogposts, Podcasts etc., die sich mit Entwicklungen rund um Open Science, FAIR Data oder allgemein mit der Digitalisierung befassen. Einmal im Monat geben wir Ihnen an dieser Stelle einen kurzen Überblick mit Beiträgen, die uns besonders bewegt haben. Im Januar war das zum Beispiel der Plan S, der ZB MED-Workshop zu Persistenten Identifikatoren, die DEAL-Verträge oder die Aktion #1Lib1Ref.

https://twitter.com/thiaru/status/1088465678624047104

PID-Services für Forschungsdaten im Bereich Lebenswissenschaften

Bericht vom Workshop über persistente Identifikatoren am 23. Januar 2019 bei ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften am Standort Köln

von Birte Lindstädt

Im gesamten Lebenszyklus von Forschungsdaten kommt den persistenten Identifikatoren (PIDs) eine zentrale Funktion zu: Sie ermöglichen die verlässliche Referenzierbarkeit und langfristige Verfügbarkeit von Forschungsdaten. PIDs schaffen allerdings noch andere, weniger bekannte Möglichkeiten der Datenreferenzierung und -nachnutzung. So werden PIDs auch eingesetzt, um Arbeitsdaten eindeutig zu kennzeichnen, zum Beispiel Datensatz-Versionen zu unterscheiden und somit einen Austausch in einer Arbeits- oder Projektgruppe zu ermöglichen (vgl. ePIC PID).

Vor dem Hintergrund, dass in manchen lebenswissenschaftlichen Disziplinen Forschungsdaten aufgrund der Datenschutzgesetzgebung oftmals nicht publiziert werden können, kommt dem Nachweis der Forschungsdaten eine große Bedeutung zu. Deshalb können neben publizierten Forschungsdaten auch nur eingeschränkt zugängliche Daten mit einem PID – konkret zum Beispiel einem DOI – und entsprechenden öffentlichen Metadaten versehen werden; die Forschungsdaten selbst bleiben in einer den jeweiligen Datenschutzregelungen entsprechenden Umgebung.

Um die verlässliche Referenzierbarkeit nicht nur der Forschungsdaten selbst, sondern auch die der jeweiligen Datenproduzenten zu gewährleisten, gibt es personen- bzw. institutionenbezogene PIDs, zum Beispiel ORCID (Open Researcher and Contributor ID).

Das Verknüpfen der einem Datensatz jeweils zugewiesenen PIDs in Suchportalen eröffnet neue Möglichkeiten der Wertschöpfung aus Daten bzw. des Erkenntnisgewinns.

Der Workshop stellte PIDs in einen breiteren Kontext, indem folgende Fragen beantwortet wurden:

  • Was ermöglichen PIDs jenseits des Aspekts der Persistenz und wie kann der Forschungsprozess dadurch verbessert werden?
  • Welche PIDs gibt es und was sind ihre Anwendungsfelder?
  • Welche aktuellen Entwicklungen rund um PIDs finden auf nationaler und europäischer Ebene statt?
  • Best-Practice-Berichte: Wie sieht die aktuelle Praxis bei den Datenzentren im Hinblick auf PIDs aus und was sind die Herausforderungen?
  • Welche Services rund um PIDs werden von ZB MED angeboten oder sind in Planung?

Unter den Teilnehmenden waren Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Informationsinfrastrukturen: Bibliotheken, Museen, Forschungseinrichtungen und Rechenzentren.

Die regen Diskussionen zeigten, dass sich verschiedene PID-Systeme aktuell in einer Phase der Reifung und Konsolidierung befinden. Die Schnittstellen zwischen PID-Systemen – etwa hinterlegte Metadatenschemata – müssen dabei noch weiterentwickelt und implementiert werden, damit die Mehrwerte für die dauerhafte Referenzierbarkeit und Interoperabilität von Forschungsdaten, die mit den PIDs assoziiert und von ihnen erhofft werden, auch tatsächlich realisiert werden können.

Dies ist insbesondere im Hinblick auf das Forschungsdatenmanagement zwingend notwendig. Eine 2018 von ZB MED in Auftrag gegebene Umfrage unter Forschenden in den Lebenswissenschaften zeigt nämlich, dass aktuell zwar bereits 81% der Befragten PIDs nutzen, lediglich 22% von ihnen aber auch PIDs für Forschungsdaten vergeben.

Wie wichtig die Verbreitung der PID-Anwendung für Forschungsdaten ist, demonstrierte Benedikt Hummel vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) am Beispiel der Animal Study Registry. Die Veröffentlichung von Tierversuchsdaten einschließlich Metadaten, die deren bestmögliche Auffindbarkeit und Referenzierbarkeit sichern sollen, ist die Voraussetzung, um unnötige Tierversuche zu reduzieren. Neben diesem ethischen Aspekt wird auch die Effizienz und Qualität der Forschung erhöht, indem redundante Studien vermieden und datenbasierte Plausibilitätsprüfungen ermöglicht werden.

Jens Dierkes stellte anschließend vor, welche Herausforderungen an der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln in puncto PIDs, insbesondere DOI (Digital Object Identifier), bestehen. Danach zeigte er auf, welche Lösungen aktuell entwickelt werden. Besonders interessant war die Entwicklung eines neuartigen Ansatzes, ein User-Interface auf der Basis von Unterdomains anzubieten. Dadurch sollen einzelne Institute in die Lage versetzt werden, selbstständig DOIs unter dem ihnen zugewiesenen DOI-Suffix einpflegen zu können.

Ulrike Wittig vom Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS) präsentierte mehrere bereits operative Services. Auf großes Interesse stieß dabei die webbasierte Plattform fairdomhub, die auf der Open-Source-Software SEEK basiert. Diese Plattform ermöglicht zunächst den internen Austausch heterogener wissenschaftlicher Datensätze, Modelle, Simulationen, Prozesse und Forschungsergebnisse zwischen den Forschenden. Auf einer niedrigschwelligen Ebene können Forschende auf diese Weise in das Forschungsdatenmanagement einbezogen werden. Im Verlauf des Forschungsprojekts können Forschende selbstständig entscheiden, ob und wenn ja welche Forschungsdaten sie publizieren wollen. Darüber hinaus lässt sich frei wählen, auf welchen Plattformen die ausgewählten Datensätze publiziert werden und wie weitreichend die Datennutzungsrechte sein sollen (Lesezugriff, Downloadmöglichkeit, Editier- oder Administratorrechte). Die Möglichkeit einer automatischen DOI-Vergabe auf verschiedenen Granularitätsebenen eines Datensatzes ist in SEEK bereits implementiert.

Die Berichte aus der Praxis zeigten eindrücklich, wie die Forschung durch Infrastrukturangebote unterstützt werden kann. Zum Ende des Workshops wurde dargestellt, in welchen Bereichen des Datenlebenszyklus ZB MED eigene Services anbietet und entwickelt.


Workshop-Präsentation von ZB MED: PID-Workshop bei ZB MED_2019-01-23
Weitere Informationen zum Workshop

Was uns im Dezember bewegt hat – Aktuelles zu Open Science, FAIR Data, Digitalisierung …

Auf unserem Twitter-Kanal informieren wir über aktuelle Artikel, Blogposts, Podcasts etc., die sich mit Entwicklungen rund um Open Science, FAIR Data oder allgemein mit der Digitalisierung befassen. Einmal im Monat geben wir Ihnen an dieser Stelle einen kurzen Überblick mit Beiträgen, die uns besonders bewegt haben. Im Dezember war das zum Beispiel der World Digital Preservation Day, der ZB MED-Workshop zum Predatory Publishing oder Blogchain in der Wissenschaft.

https://twitter.com/Lambo/status/1075357791873830912

 

Bericht zum Vernetzungsworkshop zu Predatory Publishing bei ZB MED

Zusammenfassung der Gruppendiskussion zu den Kriterien zur Erkennung von „Predatory Journals“

von Jasmin Schmitz, Claudia Adolph, Ursula Arning, Eva Maria Hackenberg, Elisabeth Müller

Am 3. Dezember 2018 fand bei ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften am Standort Köln ein Vernetzungsworkshop zum Predatory Publishing statt. Der eintägige Erfahrungsaustausch richtete sich an alle Kolleginnen und Kollegen an wissenschaftlichen Bibliotheken aus den Bereichen Open Access und/oder Erwerbung. Während Predatory Publishing zunächst ein Thema war, mit dem sich – abgesehen von den betroffenen Autorinnen und Autoren – mit Open Access befasste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigten, zeigte sich schnell, dass das Phänomen auch Relevanz für andere Bereiche in einer Bibliothek hat. Längst gilt es, nicht mehr nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor einer Publikation in diesen Zeitschriften zu warnen, sondern es geht auch um die Frage, wie man mit verdächtigen Zeitschriften im Hinblick auf Katalogaufnahmen oder Aufnahmen in anderen Nachweissystemen umgeht. Können Nutzende davor bewahrt werden, zweifelhaften Content zu nutzen, indem entsprechende Zeitschriften gar nicht erst aufgenommen werden? Wie kann ein Kriterienkatalog zur Überprüfung von Zeitschriften aussehen? Welche Hilfsmittel können genutzt werden?

Neben Überblicks- und Detailvorträgen sowie Praxisberichten war ein Hauptbestandteil des Workshops die Gruppendiskussion am frühen Nachmittag. In fünf Arbeitsgruppen á 7-8 Teilnehmenden wurden zunächst folgende Leitfragen diskutiert:

  • Welche Kriterien zur Identifikation von Predatory Journals können im Rahmen der Erwerbung/Katalogisierung herangezogen werden? (Achtung: Verfahrensfragen/Grundsatzfragen/Workflow sollen hier ausgeklammert werden)
  • Welche Kriterien zur Identifikation von Predatory Journals können im Rahmen der Beratung von WissenschaftlerInnen herangezogen werden?
  • Welche Kriterien gelten für beide Kontexte?
  • Gibt es harte und weiche Kriterien? Markierung mit h=hart und w=weich

Anschließend wurden die verschiedenen Kriterien an eine Pinnwand geheftet und diskutiert. Hierbei wurde zunächst unterstellt, dass sich eine Kriterienliste im Rahmen der Erwerbung/Katalogisierung unterscheidet von einer Kriterienliste, die in der Open-Access-Publikationsberatung mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als Adressaten zum Einsatz kommt. Eine Vermutung, die sich so nicht bestätigt hat! Die Detailergebnisse der Gruppendiskussionen zeigen: Ein Großteil der diskutierten Kriterien ist für beide Arbeitsbereiche relevant.

Abbildung 1: Ergebnis der Gruppendiskussion (Foto: U. Arning)

Abbildung 1: Ergebnis der Gruppendiskussion (Foto: U. Arning)

Die Auflistung zeigt ein methodisches Problem von Kriterienlisten bei der Beurteilung von Zeitschriften: Nicht immer kann jedes Kriterium angewendet werden und teilweise hängt es von den Fachdisziplinen ab, ob ein Kriterium gültig ist oder welche Wertigkeit es hat. In den Erläuterungen (s. unten) wird verdeutlicht, wie das Kriterium zur Identifikation von Predatory Journals und/oder zur Unterstreichung der Seriosität herangezogen werden kann.

Die Unterscheidung in harte und weiche Kriterien hat zum Ziel, jedes Kriterium noch einmal zu kategorisieren. Einige Kriterien zeigen relativ eindeutig an, ob eine Zeitschrift räuberisch oder seriös ist; diese wurden als harte Kriterien markiert. In Kombination mit wenigen weiteren Kriterien kann so schnell festgestellt werden, wie es um die Seriosität einer Zeitschrift bestellt ist. Bei weichen Kriterien handelt es sich um solche, die lediglich in gehäufter Anzahl auf (fehlende) Seriosität hindeuten. Grundsätzlich kann selten ein Kriterium alleine den Ausschlag geben, was wiederum den Sinn eines Kriterienkatalogs begründet. Mit einer entsprechenden Markierung wurde zudem versucht, dem Umstand Rechnung zu tragen, dass noch junge Open-Access-Zeitschriften entweder in einschlägigen Nachweissystemen noch nicht erfasst sind oder in punkto Professionalität der gängigen Praxis noch nicht entsprechen. Hier müssen gegebenenfalls viele (weiche) Kriterien herangezogen werden, um zu einer zuverlässigen Einschätzung zu kommen.

 

Kriterien für die Erwerbung/Katalogisierung

  • Fachgesellschaft: Ein Predatory Journal kann ausgeschlossen werden, wenn hinter der jeweiligen Zeitschrift eine Fachgesellschaft steht, die sich gut identifizieren lässt, einen eigenen Webauftritt hat und im Idealfall dort auch auf die Zeitschrift verlinkt. Steht eine renommierte Fachgesellschaft hinter der Zeitschrift, kann dies als hartes Kriterium für die Seriosität einer Zeitschrift gewertet werden. Steht keine Fachgesellschaft hinter einem Journal, handelt es sich um ein weiches Kriterium, weil nicht alle Zeitschriften gemeinsam mit einer Fachgesellschaft publiziert werden; eine Diskussionsgruppe kam zu dem Ergebnis, dass dieses Kriterium auch in der Open-Access-Beratung und bei der Beurteilung der Fördereignung von Artikeln bei Publikationsfonds angewendet werden kann.
  • Parallele Printausgabe: Wird eine parallele Printausgabe angeboten, so kann dies als hartes Kriterium für die Seriosität einer Zeitschrift gewertet werden, denn es kann davon ausgegangen werden, dass Predatory Journals den zusätzlichen Aufwand und die damit verbundenen Kosten scheuen.

 

Kriterien für die Open-Access-Beratung

  • Seriosität Herausgebergremium: Predatory Journals operieren häufig mit erfundenen Herausgebergremien, das heißt die benannten Personen wissen häufig nichts von ihrer Herausgebertätigkeit. Im Idealfall lässt sich auf den Profilseiten einzelner Herausgeberinnen oder Herausgeber ein Verweis auf die Zeitschrift finden oder die Angabe lässt sich mittels persönlicher Kontaktaufnahme validieren. Ist es offensichtlich, dass das Herausgebergremium erfunden ist, sollte dies als hartes Kriterium für fehlende Seriosität der Zeitschrift gewertet werden. Bei der Prüfung können unter anderem auch die Nationalitäten der Herausgebenden in den Blick genommen werden. Eine Konzentration auf ein Land findet sich in der Regel nur bei ausschließlich regional bedeutsamen Zeitschriften.
  • APC Transparenz: Publikationsgebühren (engl. article processing charges – APCs) werden bei seriösen Zeitschriften transparent dargestellt, das heißt die Höhe der gesamten APCs und gegebenenfalls die Auflistung einzelner Posten wird benannt. Hier liegt ein weiches Kriterium vor, da erst mit Erhalt der Rechnung geklärt werden kann, inwieweit sich an die Angaben gehalten wurde.
  • Kontaktdaten, Erfahrungen beim Einreichungs-Prozess: Gut auffindbare und validierbare Kontaktdaten unterstreichen die Seriosität einer Zeitschrift; positive oder negative Erfahrungen beim Einreichungsprozess können zur Bewertung herangezogen werden. Beim zweiten Punkt ergibt sich die Schwierigkeit, von entsprechenden Erfahrungswerten Kenntnis zu erlangen; eine Möglichkeit wäre die Konsultation der Datenbank Quality Open Access Market (2), die Erfahrungen mit einer Zeitschrift im Publikationsprozess sammelt. Allerdings liegen noch längst nicht für alle dort gelisteten Zeitschriften entsprechende Informationen vor. Wegen des Interpretationsspielraums handelt es sich eher um ein weiches Kriterium.
  • E-Mails an WissenschaftlerInnen – seriös/unseriös: Predatory Journals zeichnen sich dadurch aus, dass sie SPAM-Mails verschicken, um Autorinnen / Autoren und Herausgeberinnen / Herausgeber zu gewinnen. Oftmals lässt sich am Ton der E-Mail bereits erkennen, ob es sich um eine seriöse Zeitschrift handelt. Allerdings ist dies als eher weiches Kriterium zu sehen, da auch seriöse Zeitschriften E-Mails verschicken, um Autorinnen / Autoren beispielsweise für Special Issues zu gewinnen. Deshalb bleibt auch hier ein Interpretationsspielraum.
  • SHERPA/RoMEO: Auf der Plattform (3) lassen sich die Bedingungen für eine Zweitveröffentlichung von Verlagen und Zeitschriften nachschlagen. Ist eine Zeitschrift dort vertreten, deutet das auf seriöse Geschäftspraktiken hin; in Kombination mit der Vergabe von Creative-Commons-Lizenzen ein weiterer Indikator für Seriosität.
  • Policy: In der Regel geben sich seriöse Zeitschriften eine umfangreiche Policy, die unter anderem Auskunft über das Geschäftsgebaren und Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten gibt. Das Vorhandensein an sich kann als Kriterium für die Seriosität gewertet werden; allerdings ist der Inhalt ausschlaggebend bzw. interpretationswürdig, so dass die Diskutanten es in der Hinsicht als weiches positives Kriterium angesehen haben, wenn die branchenüblichen Punkte benannt werden.
  • DOI: Persistente Identifikatoren wie der Digital Object Identifier (DOI) werden von Zeitschriften vergeben, um die dauerhafte Verfügbarkeit von Artikeln zu gewährleisten. In den STM-Fächern kann die Vergabe von DOIs als hartes positives Kriterium angesehen werden, weil davon ausgegangen werden kann, dass Predatory Journals sich unter Umständen nicht die Mühe machen, eine DOI-Vergabe einzurichten. Für Zeitschriften aus den Geistes- und Sozialwissenschaften ist es eher ein weiches Kriterium, da hier die Praxis der DOI-Vergabe grundsätzlich noch nicht sehr verbreitet ist. Wird mit erfundenen Persistenten Indikatoren gearbeitet (z.B. DAI), ist dies ein hartes Kriterium, welches auf ein Predatory Journal verweist.

 

Kriterien für beide Arbeitsbereiche

  • STM (Liste)(4), COPE (Liste)(5): Ist der Verlag in Brancheninitiativen organisiert, die um Best Practices bemüht sind (und auf deren Websites benannt), so kann davon ausgegangen werden, dass die Absichten seriös sind. Hierbei handelt es sich um ein hartes Kriterium.
  • Verlag, renommierter Verlag; eventuell fachgebietsabhängig: Bei Verlagen, die bereits lange am Markt etabliert sind und die sich bereits im Open-Access-Bereich einen Namen gemacht haben, kann davon ausgegangen werden, dass die Zeitschriften seriös sind. Hierbei handelt es sich um ein hartes Kriterium.
  • DOAJ: Sind Zeitschriften im Directory of Open Access Journals (6) gelistet, so kann davon ausgegangen werden, dass es sich um seriöse Zeitschriften handelt. Die Zeitschriften müssen von den Betreibern dort angemeldet werden und werden anschließend von einem Gremium aus Expertinnen / Experten geprüft. Hierbei handelt es sich um ein hartes Kriterium, insbesondere wenn Zeitschriften das DOAJ-Siegel für Best Practice erhalten haben. Hilfreich kann auch die Konsultation der vom DOAJ zur Verfügung gestellten Tabelle mit Zeitschriften sein, die im Rahmen der Neubewertung aus der Datenbank entfernt wurden (7). Eine Diskussionsgruppe bewertete den fehlenden DOAJ-Eintrag zudem als hartes Kriterium insbesondere in Kombination mit fehlenden persistenten Identifikatoren, um eine Publikation in der Zeitschrift nicht über Publikationsfonds zu fördern. Zu beachten ist allerdings, dass neue Zeitschriften unter Umständen den DOAJ-Prüfprozess noch nicht durchlaufen haben.
  • Journal-Webseite: Abgesehen von einem Erstkontakt per E-Mail dürfte die Website die erste Anlaufstelle sein. Der berühmte „erste Eindruck“ kommt hier bei der Bewertung zum Tragen: Wirken Seite und Angaben seriös oder nicht?
  • Indexierung wo? Positive DBs: Dieses Kriterium zielt darauf ab, dass Predatory Journals häufig Falschangaben hinsichtlich der Indexierung in fachspezifischen (wie z.B. PubMed Central oder Medline) oder fachübergreifenden Datenbanken (Web of Science, Scopus) machen. Entweder werden hier Plattformen angegeben, bei denen es sich nicht um Instrumente für die wissenschaftliche Literaturrecherche handelt, weil keine gezielte und begründete Auswahl von Zeitschriften stattfindet (z.B. Google Scholar) oder Namen von Datenbanken werden erfunden. In Einzelfällen wird auch einfach behauptet, die Zeitschrift wäre entsprechend verzeichnet, obwohl das nicht der Fall ist. Dabei wird häufig auch auf die Möglichkeit der Verwechslung gesetzt, indem der Zeitschriftentitel eines Predatory Journals so gewählt wird, dass er sich nur marginal von einer bestehenden seriösen Zeitschrift unterscheidet. Können die Angaben zur Indexierung verifiziert werden und handelt es sich tatsächlich um eine existierende Literaturdatenbank, dann handelt es sich um ein hartes Kriterium, welches auf die Seriosität einer Zeitschrift deutet. Gefälschte Angaben bei der Indexierung wiederum deuten auf ein hartes Kriterium für Predatory Journals.
  • Impact Factor (echt!!): Predatory Journals werben zudem häufig mit einem erfundenen Journal Impact Factor, das heißt die Indikatorenbezeichnungen sind entweder erfunden und ähneln in der Bezeichnung den vom Clarivate Analytics herausgegebenen „Journal Impact Factor“ in den einmal jährlich erscheinenden „Journal Citation Reports“ oder es wird eine Listung in den Journal Citations Reports in unzutreffender Weise behauptet. Lässt sich der angegebene Journal Impact Factor über die Journal Citation Reports verifizieren, dann handelt es sich um ein hartes Kriterium im Hinblick auf die Bestätigung der Seriosität. Allerdings ist die JCR-Datenbank lizenzpflichtig.
    Ein gefälschter Journal Impact Factor wiederum ist ein hartes Kriterium, welches auf Predatory Journals deutet. Daneben spielen auch weitere Indikatoren wie SNIP (Source Normalized Impact per Paper) und SJR (Scimago Journal Rank) eine Rolle bei der Bewertung. Können diese verifiziert werden, so gelten diese als weiche Kriterien für die Seriosität einer Zeitschrift. Eine Diskussionsgruppe war der Auffassung, dass dieses Kriterium auch bei der Erwerbung/Katalogisierung herangezogen werden kann.
  • Dauer des Review-Verfahrens: Predatory Journals sind bekannt dafür, dass sie mit einer kurzen Frist von der Einreichung bis zur Veröffentlichung werben. Diese kurzen Fristen wiederum deuten darauf hin, dass kein gründliches Peer Review durchgeführt wird. Somit kann die Angabe einer Frist von wenigen Tagen ein hartes Kriterium für fehlende Seriosität sein. Ist die Frist angemessen, so kann dieses als weiches Signal für eine seriöse Zeitschrift gewertet werden. Weich ist das Kriterium deshalb, weil nicht genau bestimmt werden kann, was als angemessen gilt und es auch fachspezifische Varianten gibt; zudem besteht häufig kein Zugang zu den Erfahrungen von Autorinnen / Autoren.
  • INASP und AJOL – für „exotische Titel“: Hierbei handelt es sich um Nachweissysteme für Zeitschriften aus nicht-westlichen Ländern, deren Bedarf an adäquaten und regionalen Publikationskanälen in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Sind Zeitschriften in diesen Nachweisinstrumenten (8) (9) gelistet, handelt es sich um ein hartes Kriterium, welches auf Seriosität deutet.
  • Blacklists: Die „schwarzen Schafe“ werden in Blacklists zusammengefasst. Die bekannteste Blacklist im Hinblick auf Predatory Publishing ist Beall’s List, die mittlerweile offline ist, aber in einem Webarchiv (10) weiterhin einsehbar ist bzw. unter einem neuen Webauftritt anonym weitergeführt wird (11). Mittlerweile gibt es auch ein kommerzielles Angebot (12). Blacklists sind hochumstritten. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist, dass die Kriterien, die zu einer Listung geführt haben, nicht immer klar benannt werden, zum anderen können auch seriöse Zeitschriften, deren Geschäftsgebaren aber weniger professionell ist, dort gelistet sein. Das Attribut „predatory“ haftet diesen Zeitschriften dann möglicherweise noch sehr lange an, selbst wenn die Geschäftsprozesse längst verbessert wurden. Blacklists bleiben aber dennoch ein weiches Kriterium und ein erstes „Alarmsignal“, sich genauer mit der Zeitschrift auseinanderzusetzen.
  • Indexierung wo? Nur „dubiose“ DB’s negativ: Dieses Kriterium hat einen direkten Bezug zu „Indexierung wo? Positive DBs“. Wird die Zeitschrift lediglich auf Plattformen indexiert, die im bibliothekarischen Sinne nicht als Literaturdatenbanken gelten, so deutet das auf eine fehlende Seriosität hin. Das Kriterium gilt als weich, weil vereinzelt auch seriöse, aber unerfahrene/weniger professionelle Zeitschriften mit solchen Plattformen werben, um bei diesem Punkt etwas vorweisen zu können.
  • Look & feel Webseite: siehe Punkt „Journal-Webseite“. Hierbei handelt es sich um ein weiches Kriterium, weil die Einschätzung eher subjektiven Charakter hat. Unscharfe Graphiken oder fehlende Standardangaben können erste Anhaltspunkte sein.
  • ISSN: Das Vorhandensein einer verifizierbaren ISSN ist im Bereich der Katalogisierung ein hartes Kriterium, um die Seriosität festzustellen. Führt das Abprüfen der ISSN zu keinem Ergebnis und gar zu einem anderen Zeitschriftentitel, dann ist das ein hartes Kriterium für fehlende Seriosität.
  • Multidisziplinarität der Herausgebenden: Fällt im Rahmen des Prüfprozesses auf, dass Herausgeberinnen / Herausgeber für mehrere Zeitschriften tätig sind, deren inhaltlicher Zuschnitt ein breites fachliches Spektrum abbildet, dann ist dies ein weiches Kriterium, was auf eine fehlende Seriosität der Zeitschriften deutet. Es ist zu vermuten, dass die Herausgebenden gar nicht als solche fungieren und von den Zeitschriftenbetreibern ohne Rücksprache „eingesetzt“ wurden. Weich ist das Kriterium deshalb, da es viel Prüfaufwand bedeutet. Multidisziplinarität des Verlages wiederum ist als Kriterium irrelevant und gängige Branchenpraxis.
  • Google Maps: Lässt sich die Adresse des Zeitschriftenbetreibers und/oder des Verlags mittels Google Maps verifizieren bzw. erscheint der Standort sinnvoll, so kann dies als weiches Kriterium für die Seriosität einer Zeitschrift gewertet werden. Weich ist das Kriterium deshalb, weil die Bewertung eher subjektiven Charakter hat. Allerdings handelt es sich um ein hartes Kriterium und die Zeitschrift kann als räuberisch eingestuft werden, wenn sich der Standort beispielsweise in der Wüste befindet oder die angegebene Hausnummer nicht existiert.
  • Alternative Metriken: Die Einbindung von Altmetrics-Anwendungen seitens der Zeitschriftenbetreiber kann insofern ebenfalls zur Bewertung herangezogen werden, als sich die Frage stellt, inwieweit Predatory Journals diesen Aufwand betreiben würden.
  • Hijacked Journals: Zu den Geschäftspraktiken von Predatory Journals gehört es auch, Titel und Webauftritte bekannter Zeitschriften nachzuahmen, um dann auf Verwechslung zu setzen. Teil einer Prüfung sollte somit auch sein, inwieweit gleichlautende oder sehr ähnliche Titel auf dem Markt sind.

 

Prüfverfahren

  • Prüfungen dokumentieren / Prüfungen wiederholen: Zum einem können durch die Dokumentation der jeweiligen Prüfung Fälle nachvollzogen werden, insbesondere wenn es mehrere Anfragen zur gleichen Zeitschrift gibt. Gleichzeitig können solche „Prüfberichte“ auch im Rahmen der Beratung weitergegeben werden. In strittigen Fällen, bei denen keine eindeutige Entscheidung hinsichtlich der Seriosität getroffen werden kann, muss der Titel nach einiger Zeit erneut geprüft werden; noch junge oder noch weniger professionell wirkende Zeitschriften haben dann kritische Punkte vielleicht geändert oder Zeitschriften sind mittlerweile in Nachweissysteme wie DOAJ aufgenommen worden.
  • Quellen auflisten (wo kann was nachgeprüft werden): Gerade im Hinblick auf die Kommunikation mit Wissenschaftlerinnen / Wissenschaftlern im Rahmen der Open-Access-Beratung können diese Hinweise der Entscheidungsfindung dienlich sein. Zudem werden Prüfberichte damit transparenter und Wissenschaftlerinnen / Wissenschaftler entwickeln ein Bewusstsein und Verständnis dafür, auf welche Punkte es zu achten gilt.

Zudem waren sich die Diskussionsgruppen weitestgehend einig, dass die auf der Website Think – Check – Submit aufgeführte Checkliste (13) Wissenschaftlerinnen / Wissenschaftlern im Rahmen der Beratung als Informationsbasis an die Hand gegeben werden kann.

Einig war man sich am Schluss, dass trotz aller Kriterien Zeitschriften in Grauzonen verbleiben. Eine Beurteilung, ob es sich um eine junge Zeitschrift oder um ein Predatory Journal handelt, ist abschließend nicht immer möglich. Ein Weg damit umzugehen ist, die Prüfung zu dokumentieren und das Ergebnis den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit den positiven und negativen Kriterien an die Hand zu geben. Diese haben letztlich die Entscheidungshoheit darüber, in welchem Organ sie publizieren möchten.

Wir danken allen Teilnehmenden des Workshops für die rege Beteiligung und engagierten Diskussionen, die die Veranstaltung zu einem fruchtbaren Erfahrungsaustausch gemacht haben!


(1) Informationen zum Workshop-Programm
(2) Quality Open Access Market 
(3) SHERPA/RoMEO
(4) STM (Liste)
(5) COPE (Liste)
(6) Directory of Open Access Journals
(7) DOAJ: Tabelle mit Zeitschriften, die im Rahmen der Neubewertung aus der Datenbank entfernt wurden
(8) INASP
(9) AJOL
(10) Beall´s List Webarchiv
(11) Beall´s List anonyme Weiterführung
(12) CABELLS – The journal blacklist
(13) Think – Check – Submit

Was uns im November bewegt hat – Aktuelles zu Open Access, FAIR Data, Digitalisierung …

Auf unserem Twitter-Kanal informieren wir über aktuelle Artikel, Blogposts, Podcasts etc., die sich mit Entwicklungen rund um Open Access und FAIR Data oder allgemein mit der Digitalisierung befassen. Einmal im Monat geben wir Ihnen an dieser Stelle eine Zusammenfassung der Themen, die uns besonders bewegt haben. Im November war das zum Beispiel die Nationale Forschungsdateninfrastruktur, insbesondere NFDI4Life, das Konsortium für die Lebenswissenschaften, oder der Top 10 FAIR Data Things Sprint. Und dann waren auch noch der Tag der Computersicherheit und der World Digital Preservation Day …

https://twitter.com/libcce/status/1068051674646945792

“All librarians speek the same language, the language of access to information”: World Library and Information Congress der IFLA 2018

Von Dr. Ursula Arning

“Alle Bibliothekar*innen sprechen die gleiche Sprache, die Sprache des Zugangs zur Information”, sagte Glòria Pérez-Salmerón, die Präsidentin der IFLA, in der Closing Session des World Library and Information Congress (WLIC) der International Federation of Library Associations (IFLA) 2018. Es handelt sich um die Internationale Konferenz des Bibliothekswesens, auf der sich Kolleginnen und Kollegen (aller Bibliothekstypen) der ganzen Welt eine Woche lang sowohl über ganz alltägliche Fragen als auch über strategische Fragen zur Zukunft der Bibliotheken austauschen. Die Konferenz fand dieses Jahr vom 23.8. bis zum 30.8. in Kuala Lumpur/Malaysia statt. Jedes Jahr wieder ist es beeindruckend und überaus bereichernd, wenn die globale “bibliothekarische” Welt mit ihrer Diversität an einem Ort zusammenkommt. So war die Zusammenfassung von Glòria Pérez-Salmerón, dass „alle Bibliothekar*innen die gleiche Sprache sprechen, die Sprache des Zugangs zur Information”, durchaus ein bemerkenswerter Satz. Bei allen Unterschieden, alle verbindet ein Ziel: Der Zugang zur Information.

Willkommensschild auf der IFLA 2018

Willkommensschild auf der IFLA 2018 © Ursula Arning

Dies zeigte sich auch am letzten Tag des Kongresses, an dem Interessierte an Bibliotheksführungen teilnehmen konnten (1). Ich hatte mich – in der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin beheimatet – für die angebotene Tour zu den Bibliotheken in Pahang entschieden. Ziel war unter anderem die dortige Medizinische Bibliothek, die Dar Al-Hikmah Library an der International Islamic University Malaysia. So konnte ich für die Kolleginnen und Kollegen Impressionen einer „Schwester-Bibliothek“ mit nach Hause nehmen. Die offene Architektur des Gebäudes erfordert eine gute Organisation: Oben, im 3. OG, Stillarbeit mit zahlreichen, gut ausgestatteten Kabinen mit Flipchart und Gruppentischen bzw. Kabinen zur Einzelarbeit. Unten, offene Gruppentische, entweder nur für „Sisters“, für „Brothers“ oder für gemischte Gruppen sowie eine ausgezeichnete erste Anlaufstelle, an der einem mittels eines großen Ansicht-Bildschirms die benötigte Information vermittelt wird.

Leseecke im Erdgeschoss der Dar Al-Hikmah Library in Kuala Lumpur.

Im Erdgeschoss der Dar Al-Hikmah Library. © Ursula Arning

Blick vom 3. Obergeschoss der Dar Al-Hikmah Library in Kuala Lumpur ins 2. Obergeschoss.

Blick vom 3. Obergeschoss der Dar Al-Hikmah Library ins 2. Obergeschoss. © Ursula Arning

Zu der Besuchstour gehörten auch zwei Öffentliche Bibliotheken: Um die fehlenden Personalkapazitäten auszugleichen, die den Nutzenden bei der Suche helfen können, hat die Bentong Public Library eine App entwickelt, mit der man die Büchertitel in den jeweiligen Regalen über einen QR Code auf sein Handy scannen kann.

Impression von einem Messestand auf der IFLA 2018 in Kuala Lumpur.

Impression von der IFLA 2018. © Ursula Arning

Die State Library of Pahang, gerade erst in ein neues Gebäude gezogen, überzeugt mit einem vielfältigen interaktiven Angebot für alle Bevölkerungsgruppen: Sie verfügt über einen abgetrennten, gut ausgestatteten Baby-Raum, der nicht mit Schuhen betreten werden darf, eine weiträumige Kinderbibliothek, in der auch (wissenschaftliche) Experimente durchgeführt werden: So zeigten Studierende einer jüngeren Schulklasse, wie sich Papier aus Bananenfasern schöpfen lässt.

Einer jüngeren Schulklasse wird von Älteren in der State Library of Pahang erklärt, wie aus Bananenfasern Papier geschöpft werden kann.

Einer jüngeren Schulklasse wird von Älteren in der State Library of Pahang erklärt, wie aus Bananenfasern Papier geschöpft werden kann. © Ursula Arning

Weiter ging es zu einem Musik/Tonstudio, zu einem 3-D-Kino, einem Computer Lab, einer kleinen, ruhigen Blindenbibliothek mit Büchern in Brailleschrift. Aber nicht nur diese Bilder und gestalterischen Ideen habe ich mitgenommen. Neben dem Zugang zur Information sind die Wärme und der Stolz der Gastgeber*innen, „ihre“ Bibliothek vorstellen zu dürfen, wohl auch allen Bibliothekar*innen auf der Welt gemeinsam. In diesem Sinne sollten sich alle Bibliotheken an der IFLA Library Map beteiligen, um aufzuzeigen, wo Bibliotheken sich überall zum Wohle der Gesellschaft und Wissenschaft engagieren.

Als Gremienmitglied der Section for Academic and Research Libraries (der Sektion der Akademischen und Wissenschaftlichen Bibliotheken), habe ich auch einen aktiven Part auf dem WLIC. Alle Mitglieder sind aufgerufen, in ca. fünf Bullet Points die wichtigsten Entwicklungen im Bibliothekswesen ihres Landes im letzten Jahr darzustellen. Dadurch entsteht ein schneller Vergleich, der Themen identifiziert, die weltweit für wichtig erachtet werden. In diesem Jahr waren Wissensmanagement, Kooperationen und System Sharing, Transformation und damit Herausforderungen für das Bibliothekspersonal, Forschungsdatenmanagement sowie Erwerbungsstrategien die meist genannten Themen. Des Weiteren geht es bei den Sektionen auch um die Planung von Aktivitäten für den nächsten World Library and Information Congress der IFLA. Jede Sektion hat einen Slot von zwei Stunden, um z.B. die Entwicklungen der akademischen und wissenschaftlichen Bibliotheken weltweit aufzugreifen und zu besprechen. In diesem Jahr umfassten die Hot Topics die Themenbereiche Open Access, Künstliche Intelligenz und automatische (bzw. computerunterstützte) Sacherschließung. Alle drei Themen wurden durch einen dreiminütigen Impulsvortrag eingeleitet und dann in Gruppen intensiv diskutiert. Über das Jahr verteilt werden diese und andere Themen auch im Blog der Sektion weiter vertieft. Die Themen können länderspezifisch oder von generellem Interesse sein. Im August 2018 waren die Beiträge sehr divers und reichten von „Predatory Publishing“ bis zur Vorstellung der Lernplattform der Joint University Librarians Advisory Committee (JULAC) von Hong Kong. Jede und Jeder auch außerhalb des Gremiums ist dazu eingeladen, einen Beitrag zu veröffentlichen oder sich über aktuelle Themen in der Facebook-Gruppe IFLAARL auszutauschen. Um die Themen aus der Sektion auch in die Communities zu tragen, sind als neues Angebot Webinare geplant, die im Laufe des Jahres konzipiert werden.

Als Mitglied der AG Universitätsverlage mit zurzeit 28 Mitgliedern aus dem deutschsprachigen Raum habe ich mich auf dem diesjährigen Kongress insbesondere bei den Planungen einer Special Interest Group „Library Publishing“ engagiert. Es haben sich ca. 15 Interessierte aus aller Welt gefunden, die die Gründung vorbereiten werden. Für die Umsetzung unserer ZB MED eigenen Plattformen PUBLISSO – Gold und PUBLISSO – Fachrepositorium Lebenswissenschaften können durch den kollegialen Austausch wichtige Synergien entstehen. Die Gruppe ist erst in der Findungsphase, doch wollen wir auf der nächsten Tagung der IFLA in Athen bereits einen Workshop anbieten, um unser Interessengebiet auch einer breiteren Öffentlichkeit vertraut zu machen. Die Erkenntnisse, die ich durch die Gruppe gewinne, kann ich sowohl in den weiteren Aufbau der institutseigenen Plattform einfließen lassen als auch weitergeben an die Kolleg*innen der AG Universitätsverlage und anderer Gremien.

Des Weiteren ist der Weltkongress der IFLA auch eine gute Plattform, eigenes Wissen und Erfahrungen zu teilen und die Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt bei bestimmten Themen zu unterstützen. Eigene Projekte und Ideen können besonders gut in den beiden Poster Sessions vorgestellt werden. Der Trend geht wohl zu Poster-Formaten mit 3-D-Gegenständen. Letztes Jahr konnte z.B. ein Poster mit einer herausragenden Kaffeetasse überzeugen, dieses Jahr waren es Infoboxen, in denen man Kommentare hinterlassen konnte.

Poster in der State Library of Pahang in Kuala Lumpur, auf dem "Libraries are for everyone" steht.

Poster in der State Library of Pahang. © Ursula Arning

Seit einigen Jahren ist Open Access ein Thema, das auf dem WLIC immer mehr Gehör findet. Neben der ARL-Sektion ist insbesondere auch die Sektion „Science & Technology Libraries“ in dem Bereich aktiv. So umfasste die Session „Libraries as Drivers for Open Access“ Vorträge, die sich auf die soziale Grundidee des Open Access rückbesinnen und den sogenannten „Diamantenen Weg“ propagieren, also kostenfreie Publikationen für die Autor*innen. Ebenfalls interessant war in derselben Session auch die komparative Studie zum Monitoring und den Geschäftsmodellen in Lateinamerika und dem Mittleren Osten (2). Des Weiteren wurde u.a. die Entwicklung einer App vorgestellt, die beim Entlanggehen an Regalen die E-books anzeigt, die zu diesem Themenkreis gehören (3). Ein weiteres Thema, das in diesem Jahr Eingang in die IFLA-Tagung fand, war z.B. der Bereich der digitalen Langzeitarchivierung (dLZA) (4). Bereits in der Session wurde der Wunsch geäußert, dass es neben der Vorstellung von Systemanbietern auch sinnvoll wäre, Beispiele aus der Praxis zu hören. Der WLIC ist also gerade auch für das deutsche Bibliothekswesen mit seinen Aktivitäten in der dLZA eine mögliche Plattform, sich mit den Kolleg*innen aus dem In- und Ausland auszutauschen. Immer größere Beachtung findet auf dem World Library and Information Congress auch der Themenbereich „Forschungsdatenmanagement“. In diesem Jahr lag der Fokus auf Data Librarians und darauf, welche Qualifikationen diese mitbringen sollten (5).

Ein neues, sehr interessantes Format auf dem Kongress war das Angebot der Sektion „Continual Professional Development and Workplace Learning“. Je nach Interessensgebiet setzte man sich zusammen und konnte diverse Themen wie Zeitmanagement, Zielsetzungen, Burn out, Karriereplanung etc. diskutieren und aus der eigenen Praxis berichten bzw. eigene Lösungswege aufzeigen. Auch wenn es einen „Coach“ pro Tisch gab, war es letztlich ein kollegialer Austausch von Ideen, Ratschlägen und Problemlösungen über Ländergrenzen und Bibliothekstypen hinweg und gleichzeitig eine Möglichkeit, sich kennen zu lernen. Dabei wurde in dem knappen Format von 15–30 Minuten nichts zerredet, sondern präzise auf die unterschiedlichen Fragen geantwortet (6).

Die Twin Towers in Kuala Lumpur.

Die Twin Towers in Kuala Lumpur. © Ursula Arning

Ich danke BII, dass es mir durch die großzügige Unterstützung die Fahrt zum World Library and Information Congress der IFLA 2018 und damit auch die Mitarbeit in Gremien und Gruppen ermöglicht hat, deren Ideen und Strategien in meine direkte tägliche Arbeit einfließen und damit der wissenschaftlichen Community Deutschlands zur Verfügung stehen werden.


(1) Zur Situation des Bibliothekswesens in Malaysia vgl. den Beitrag von Andreas Degkwitz (https://media02.culturebase.org/data/docs-bideutschland/Degkwitz_Bericht_IFLA_2018.pdf).

(2) Session 092 Libraries as Drivers for Open Access – Science & Technology Libraries with Serials and other Continuing Resources.

(3) Session 113 Celebrating IT Innovations in libraries – Information Technology.

(4) Session 160 Planning digital preservation: in for the long run – Preservation and Conservation with Information Technology.

(5) Session 139 Data Librarian: Needs and Qualifications – Education and Training, Science and Technology and Continuing Professional Development and Workplace Learning.

(6) Session 196 Knowledge Café 2018: Continuous Learning for Successful Info Pros in the Knowledge Economy – Knowledge Management with Continuing Professional Development and Workplace Learning and Library and Research Services for Parliaments.